Der Herkunft kann man nicht entkommen. Sandy Lopičić und sein Team bringen im Grazer Schauspielhaus mit „Kafana Beisl Culture Clash“ einen nostalgisch-musikalischen Balkan-Abend auf die Bühne, der dramaturgisch jedoch in zwei Teile zerfällt und sich allzu sehr an Folklore ergötzt.
„Ich hab mal gedacht, dass man einfach weggehen kann.“ Anfang der 1970er ist Jana gemeinsam mit Bane vom Balkan nach Österreich geflohen. Es war eine Flucht vor dem engen Moralkorsett ihrer Familie, die die Beziehung nicht gutierte. In Graz haben sie ein eher schlecht als recht gehendes Beisl eröffnet, das zum Treffpunkt anderer verlorener Existenzen vom Balkan wurde, die hier vor allem einer Leidenschaft frönen: dem Rock‘n‘Roll. Doch eines Tages landet ein Behördenbescheid im Briefkasten und wirft das Leben aus den Fugen: Das Beisl soll einem Autobahnzubringer weichen. Die einzige Chance es zu halten: daraus ein Kulturzentrum machen. Doch dafür müssten Jana und Bane sich der Volkskultur jener Welt wieder annähern, vor der sie einst geflohen sind.
Ein Abend zerfällt in zwei Teile
Von der Unausweichlichkeit der Heimat und den minimalen Möglichkeiten der Veränderung erzählt Musiker, Regisseur und Autor Sandy Lopičić in seiner neuesten Produktion am Grazer Schauspielhaus. „Kafana Beisl Culture Clash“ ist – wie schon seine vorangegangenen Produktionen am Haus – ein Mix aus Theaterstück und Konzert, Rock‘n‘Roll und Balkan-Folklore, kleinen Moralpredigten und ganz großer Nostalgie. Doch so ganz eins werden diese Zutaten an diesem Abend nicht. Vielmehr zerfällt er dramaturgisch in zwei Teile.
Vor der Pause sieht man eine durchaus ausdifferenzierte, wenn auch etwas vorhersehbare Komödie über die Wandlung des Beisls und ihrer Bewohner: Sebastian Schindegger stolpert als Bane auf sehr sympatische Weise durch das Leben und sieht im neuen Kulturzentrum vor allem einen finanziell notwendigen Schritt. Anke Stendigk als seine Frau Jana wehrt sich genau dagegen mit unterhaltsamer Vehemenz – bis sie in der geisterhaften Begegnung mit dem Volkskundler Milic (Franz Solar) eine Art folkloristisches Erweckungserlebnis hat. Dieses befeuert Tim Breyvogel als Stammgast Dzemo, der sich als Musikmanager geriert und eine vierköpfige Band ins Haus holt. An der moralischen Sturheit von Jana hingegen arbeiten sich Luiza Monteiro als deren lesbische Tochter Anica und Luisa Schwab als ihre Freundin Milli eher erfolglos ab. Und die rechtschaffenen Stanko (Željko Marović) und Martha (Sarah Sophia Meyer) sorgen nicht nur für die bürokratische Abwicklung der Beisl-Wandlung, sondern locken auch einen skurrilen Musikprofessor (Sandy Lopičić) an.
Tolle Musik – aber wo sind die Figuren?
All diese Handlungsfäden, werden nach der Pause jedoch völlig fallen gelassen. Denn im Stück wird das Kulturzentrum mit einem großen Konzert eröffnet und damit nimmt die Musik auch auf der Bühne Überhand – ein Volkslied nach dem anderen wird dargebracht. Freilich: Genau das ist die Stärke von Lopicic, der sich mit deeLinde, Raphael Meinhart, Miloš Milojević und Sašenko Prolić zudem eine erstklassige Band zusammengestellt hat. Und auch das Schauspielensemble zeigt sich gesanglich in Top-Form.
Doch was ist eigentlich aus den Figuren geworden? Fast alle stehen als folkloristische Püppchen ohne ihre im ersten Teil noch dargelegten Eigenheiten auf der Bühne. Der Rock‘n‘Roll darf zwar hier und da noch hineinschnuppern (aus dem „Hotel California“ von den Eagles etwa wird das „Hotel Makedonia“) – vor allem aber frönt man ungeniert und großteils unkommentiert der Balkan-Nostalgie (Bühne und Kostüme: Vibeke Andersen) und singt ein schmalziges Hohelied auf die einigende Kraft der Musik.
Das ist unterhaltsam und schmissig, holt das Publikum aus den Sitzen und bringt es zum Tanzen. Bleibt halt nur eine Frage: Wozu braucht es dafür die erste Hälfte und die Anmutung eines Theaterstücks?
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