Schwere Vorwürfe

Passagier: „Hantavirus nicht ernst genug genommen“

Ausland
07.05.2026 13:20
Porträt von krone.at
Von krone.at

Der türkische Videoblogger Ruhi Cenet, der während des Hantavirus-Ausbruchs auf der MS Hondius an Bord war, erhebt schwere Vorwürfe gegen die Crew: Die Besatzung habe den Vorfall zunächst nicht ernst genug genommen. So wurde erklärt, dass keine Ansteckungsgefahr bestehe, der Betrieb sei ohne Masken normal weitergelaufen.

Der Videoblogger kann es im Interview mit der Nachrichtenagentur AFP noch immer nicht fassen, dass der Alltag auf dem Schiff selbst nach dem Tod des ersten Passagiers sorglos weiterging, als wäre nicht geschehen.

Viele ältere Hobby-Ornithologen an Bord
Der Reisevideoblogger war am 1. April im argentinischen Ushuaia an Bord des Schiffes gegangen, das am selben Tag auslief. Er wollte eine Reportage über die abgelegene Inselgruppe Tristan da Cunha im Südatlantik drehen, einen der Zwischenstopps der Hondius. Der Reiseauftakt hätte idyllischer nicht sein können, berichtet der 35-Jährige: Für das Wohlbefinden der insgesamt 88 Passagiere hätten 59 Besatzungsmitglieder gesorgt. Die meisten Passagiere waren demnach Hobby-Ornithologen im Alter von 60 Jahren oder älter.

Auf Instagram teilte der YouTuber seine Erfahrungen auf dem Schiff:

Doch am Morgen des 12. April nahm die Situation dann laut Cenet eine seltsame Wendung, als der Kapitän des Schiffes über das Bordmikrofon den Tod eines Passagiers bekannt gab. Der 70-jährige Niederländer sei bereits am Vortag gestorben, sagt der Kapitän in einem von Cenet aufgenommenen Video den Passagieren (siehe Instagram-Video oben).

Laut Schiffarzt keine Ansteckungsgefahr
„Der Schiffsarzt hat mir versichert, dass keine Ansteckungsgefahr besteht“, sagt der Kapitän in der Aufnahme – ohne zu ahnen, dass der britische Arzt später selbst schwer erkranken würde. Der Kapitän habe zudem von einem „natürlichen Tod“ des Mannes gesprochen, sagt der mittlerweile nach Istanbul zurückgekehrte Videoblogger im AFP-Interview.

Cenet, der das Schiff am 24. April im britischen Überseegebiet St. Helena verließ, macht den Verantwortlichen nun bittere Vorwürfe. „Sie zogen nicht einmal die Möglichkeit in Betracht, eine so ansteckende Krankheit an Bord zu haben“, erklärte er. „Sie nahmen das Problem nicht ernst genug.“

Drei der Passagiere sind inzwischen an den Folgen des Virus-Ausbruchs gestorben – darunter die Ehefrau des zuerst gestorbenen Niederländers sowie eine Deutsche. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) haben sich mindestens fünf weitere Menschen an Bord des Schiffes definitiv oder mutmaßlich mit dem Hantavirus infiziert.

Alltag ging unverändert weiter
Cenet zeigt sich bestürzt darüber, dass an Bord des Schiffes nach der Durchsage des Kapitäns „der Alltag unverändert weiterging“. Auf seinen Videoaufnahmen sind ältere Passagiere zu sehen, die sich unbekümmert am Buffet tummeln. „Wir aßen weiterhin alle gemeinsam (...) und trugen dabei keine Masken“, sagt er. Um auf Nummer sicher zu gehen, beschlossen Cenet und sein Kameramann, sich freiwillig in Selbstisolation zu begeben. „Wir wussten zwar noch nichts von einem Virus, trafen aber vorsorglich entsprechende Vorkehrungen.“

Vor den Todesfällen postete Cenet noch gut gelaunt ein Bild an Bord der Hondius: 

Einige Tage später ankerte das Schiff für einen Tag vor der Küste von Tristan da Cunha. Dieser Zwischenstopp könnte laut Cenet ein „Worst-Case-Szenario“ ausgelöst haben. „Ich wünschte, wir wären nach dem ersten Todesfall dort nicht an Land gegangen“, sagt er rückblickend. „Denn zusammen mit uns waren da noch hundert weitere Passagiere, die mit den Inselbewohnern in Kontakt kamen.“

Rund 20 Passagiere gingen auf St. Helena von Bord
Der Halt auf der Insel bereitet Cenet bis heute schlaflose Nächte. „Denn dies ist eine der abgelegensten Inseln der Welt, auf der es weder genügend medizinische Einrichtungen noch ausreichend Ärzte gibt.“ Cenet verließ das Schiff gemeinsam mit etwa 20 anderen Passagieren in St. Helena. Einen Tag später bestieg er ein Flugzeug nach Südafrika – dieselbe Maschine, in der auch die Ehefrau des ersten Opfers mitflog.

„Sie saß im Rollstuhl, ihr Kopf hing herab. Offenbar begann die Krankheit ihr zuzusetzen“, erinnert sich Cenet. Einen Tag nach der Ankunft in Johannesburg starb die Frau, die laut Cenet nach dem Tod ihres Mannes an Bord des Schiffes von zahlreichen Menschen umringt und getröstet worden war. Von Südafrika aus kehrten Cenet und sein Kameramann nach Istanbul zurück. In Quarantäne mussten die beiden sich zunächst nicht begeben. Dennoch hätten beide versucht, sich „so weit es ging zu isolieren“.

Präventivmaßnahmen gefordert
Die Hondius lag zuletzt tagelang vor Kap Verde vor Anker. Am Mittwoch verließ das Schiff die Inselgruppe vor der Westküste Afrikas in Richtung der spanischen Kanareninsel Teneriffa. Ein Bekannter von Cenet ist immer noch an Bord. Inzwischen sind die Passagiere in ihren Kabinen isoliert und tragen Masken, wie Cenet von dem Mann erfuhr.

Seiner Meinung nach sollten Schiffe dieser Art für Fälle wie den Hantavirus-Ausbruch aber „über eine Art Labor oder die notwendige Ausrüstung verfügen“. Immerhin hätten die Passagiere für die Kreuzfahrt umgerechnet rund 8500 Euro gezahlt.

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