81 Jahre, nachdem der Zweite Weltkrieg endgültig beendet wurde, leben heute natürlich nicht mehr allzu viele, die die Grauen der Nazi-Herrschaft noch am eigenen Leib erleben mussten. Nun will ein 27-jähriger Hobby-Historiker jene letzten Zeugen in ganz Österreich ausfindig machen.
Die meisten von uns kennen sie noch: die spannenden Geschichten, die Oma, Opa, Mama oder Papa aus dem Zweiten Weltkrieg erzählen konnten. Ein Schauer nach dem anderen lief einem über den Rücken, wenn von Fliegeralarm, Schutzbunkern oder dem Arbeitsdienst die Rede war. Doch die Zeit vergeht wie im Flug – und die nachfolgenden Generationen haben schon bald keine Möglichkeit mehr, jenen, die den Weltkrieg hautnah erlebt haben, zuzuhören.
Führungen durch Luftschutzkeller und Zeitzeugen-Gespräche
Einer, der trotz recht jungen Alters genau das ändern will, ist Lukas Arnold. Vielen Wienern (und auch Touristen) ist der 27-Jährige wohl ein Begriff. Und zwar als „Stadtforscher“, als ein Hobby-Historiker, der es sich mit seinem gemeinnützigen Verein „Unter Wien“ zur Aufgabe gemacht hat, über die historischen Kriegszeiten aufzuklären. Dafür organisiert Arnold auch Touren, die in Luftschutzkeller führen. Warum er das macht, ist schnell erklärt: „Zeitgeschichte darf einfach nicht in Vergessenheit geraten – nie wieder ist heute!“
Zeitgeschichte darf nie in Vergessenheit geraten. Die schrecklichen Ereignisse und persönlichen Erlebnisse sollten für die Nachwelt dokumentiert werden.

Lukas Arnold, Verein „Unter Wien“
Bild: Lukas Arnold
Schon vor mehr als zehn Jahren beschäftigte er sich mit der Zeitgeschichte Wiens. Und traf dabei immer wieder Zeitzeugen, die ihm bereitwillig ihre persönlichen Kriegsgeschichten erzählten. So viele, dass Arnold entschloss, sie per Video aufzunehmen und in seine Führungen und Touren einfließen zu lassen.
Am 8. Mai 1945, um 23.01. Uhr galt der Zweite Weltkrieg in ganz Europa offiziell als beendet. Während in Wien am 27. April schon die Ausrufung des unabhängigen Österreichs gefeiert wurde, wurde etwa im KZ in Mauthausen noch gemordet. Erst in der Nacht vom 6. auf 7. Mai unterschrieb Generaloberst Alfred Jodl die bedingungslose Kapitulation des Deutschen Reiches. In den Tagen davor verloren in Österreich mehr Menschen ihr Leben als in allen Kriegsjahren davor. Heute findet ab 19.30 Uhr am Wiener Heldenplatz das „Fest der Freude“ statt.
Von toten Soldaten und Bomben am Schulweg
Da ist etwa Frau Ilse, Jahrgang 1942, die mit Oma und Mama im Luftschutzkeller hörte, wie die Stadt bombardiert wurde. Oder Herr Rudolph, Jahrgang 1931, der die toten Soldaten und verendeten Pferde nicht mehr aus dem Kopf bekommt. Frau Eva (geboren 1927) hatte „draußen weniger Angst als im Bunker“, Frau Gertrude (1930) erzählte, wie sie am Nachhauseweg von der Schule die Bomber über sich gesehen hat.
Ein Ministrant hat mit uns gebetet und ich habe geschrien „Himmelsmutter, hilf!“ Und die Bombe ist ganz knapp neben dem Haus eingeschlagen.
Frau Ilse (Jahrgang 1942) erlebte die Bombardierungen als Kind
Es sind unersetzliche Erinnerungen, die Arnold einfangen will. In Wien sprach er bereits mit mehr als 50 Zeitzeugen, für sein Projekt verschickte er Plakate an Pensionisten-Wohnhäuser, um Gesprächspartner zu finden. Das Projekt sprach sich herum, auch auf seinen Führungen bekam Arnold schon das ein oder andere Gesprächsangebot.
Ich bin nicht in den Bunker gegangen, sondern bin vor dem Haus gestanden, bis die Flieger kommen. Ich hatte draußen weniger Angst als im Bunker.
Frau Eva sprach bereits mit Lukas Arnold
Nun möchte der Wiener über die „Krone“ auch in anderen Bundesländern nach möglichen Gesprächspartnern suchen. Sein Ziel ist, mit so vielen Frauen und Männern wie möglich über die negativen und auch positiven Erinnerungen jener Zeit sprechen zu können. Wer also selbst die Kriegsjahre erlebt hat, oder jemanden kennt, auf den das zutrifft, darf sich also gerne per E-Mail unter office@unterwien.at melden.
„Ich will einfach einen wichtigen Beitrag zur Erinnerungskultur Österreichs leisten“, verrät der Wiener den Antrieb hinter seinen ehrenamtlichen Bemühungen. Die Gespräche seien „emotional und gehen unter die Haut“, gerade deswegen mache er es. Es sei ein Privileg, in der „längsten Friedensperiode zu leben, die es jemals in Österreich gab“, so Arnold. Ein Privileg, das in heutigen Zeiten nicht selbstverständlich erscheint.
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