Migrationsbericht 2026

Klima und Kriege: Eine Welt in ständiger Bewegung

Außenpolitik
05.05.2026 15:46

Die Weltkarte der Menschheit wird neu gezeichnet, und das in einem Tempo, das selbst Optimisten den Atem raubt. Der soeben erschienene World Migration Report 2026 der Internationalen Organisation für Migration (IOM) liest sich wie das Drehbuch eines globalen Epochenwandels. 120 Millionen Menschen lebten Ende 2024 in Vertreibung. Dabei waren insgesamt mehr als 83 Millionen Menschen innerhalb ihres Landes auf der Flucht– ein historischer Höchststand, der die Belastungsgrenzen des internationalen Systems nicht nur dehnt, sondern sprengt.

Man könnte meinen, die gesamte Menschheit habe die Koffer gepackt. Mit rund 304 Millionen internationalen Migranten (Stand Mitte 2024) ist die Zahl derer, die außerhalb ihrer Heimat leben, so hoch wie nie zuvor. Doch wer jetzt den Untergang des Nationalstaats heraufbeschwört, übersieht die Nuancen: Relativ zur Weltbevölkerung bleibt die Quote mit 3,7 % erstaunlich stabil. Die große Mehrheit der Menschen bleibt – freiwillig oder unfreiwillig – dort, wo sie geboren wurden. Die USA bleiben das wichtigste Zielland, gefolgt von Deutschland und Saudi-Arabien.  Indien, China, Mexiko und die Ukraine gehören zu den größten Herkunftsländern.

Dennoch: Die Dynamik hat sich verschoben. Während die USA nach wie vor das Sehnsuchtsziel Nummer eins bleiben, gefolgt von Deutschland und Saudi-Arabien, hat sich die Natur der Flucht gewandelt. Es sind nicht mehr nur Kriege, die Menschen vertreiben. Es ist der «stille Killer» Klimawandel. Allein im Jahr 2024 lösten Naturkatastrophen fast 46 Millionen neue Binnenvertreibungen aus. Das Klima ist zum mächtigsten Schlepper der Moderne geworden.

Naturkatastrophen sind erstmals der größte „Schlepper“
Naturkatastrophen sind erstmals der größte „Schlepper“(Bild: EPA/QUDRATULLAH RAZWAN)

Migration ist längst kein rein humanitäres Thema mehr – es ist ein knallhartes Milliardengeschäft. Und damit ist nicht die schmutzige Ökonomie der Schlepperbanden gemeint. Die Rede ist von den Rücksendungen (Remittances). Stolze 905 Milliarden US-Dollar überwiesen Migranten im Jahr 2024 in ihre Heimatländer.

«Diese Summen stellen die offizielle Entwicklungshilfe und sogar ausländische Direktinvestitionen in den Schatten», halten die Experten der IOM trocken fest. Für viele Schwellenländer sind ihre Bürger im Ausland die wichtigste Devisenquelle. Es ist ein globaler Geldkreislauf, der ganze Volkswirtschaften stützt, während er gleichzeitig die Abhängigkeit von der Abwanderung zementiert. Ein Paradoxon, das die politische Debatte in den Zielländern oft ignoriert.

Besonders brisant: Der Bericht beleuchtet die dunkle Seite der Digitalisierung. Künstliche Intelligenz hält Einzug in das Grenzmanagement. Wo früher Beamte in Pässe blickten, entscheiden heute Algorithmen über Visa und Einreiseverbote. Was effizient klingt, birgt laut IOM enorme Risiken für die Menschenrechte. In einer Welt der Desinformation wird Migration zudem zunehmend als politische Waffe instrumentalisiert. Fakten, so scheint es, haben es schwer gegen die lautstarken Narrative der Polarisierung.

Die Infografik zeigt die weltweite Migration und Vertreibung. Die Zahl der Migranten ist von 175 Millionen im Jahr 2000 auf 304 Millionen im Jahr 2024 gestiegen. Der Anteil an der Weltbevölkerung hat sich von 2,8 % auf 3,7 % erhöht. Das Balkendiagramm stellt vertriebene Menschen im eigenen Land von 2015 bis 2024 dar. Im Jahr 2024 wurden 45,8 Millionen Menschen durch Naturkatastrophen und 20,1 Millionen durch Konflikt oder Gewalt vertrieben. Quelle: IOM World Migration Report 2026.

Der Bericht ist ein Weckruf mit Goldrand. Die IOM fordert für den Zeitraum bis 2028 mehr reguläre Migrationswege. Das Ziel ist klar: Menschenleben retten und die wirtschaftliche Kraft der Mobilität nutzen, statt sie in die Illegalität abzudrängen. Doch die Realität in den europäischen Hauptstädten sieht anders aus. Zwischen Abschottungsphantasien und dem Hunger der Wirtschaft nach Fachkräften bleibt Migration das Reizthema unserer Zeit. Eines ist sicher: Die 304 Millionen Migranten werden nicht die letzten sein. Die Welt bleibt in Bewegung – ob wir bereit sind oder nicht.

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