Streaming-Kritik

„Xatar“-Doku: Porträt zwischen Mythos und Realität

Musik
04.05.2026 05:00

Ein Jahr nach seinem Tod wird in „Xatar: Ein Leben ist nicht genug“ das Leben der Rapikone noch einmal durchleuchtet. In einer dreiteiligen Doku des Senders ARD widmete man sich einem Menschen der Deutschrap nicht nur musikalisch geprägt hat ... 

kmm

Giwar Hajabi alias Xatar ist wohl eine der prägendsten und zugleich umstrittensten Figuren des Deutschraps. Songs wie „Mama war der Mann im Haus“ oder „Baba aller Babas“ zeigen die Spannbreite seines Schaffens – zwischen persönlicher Vergangenheit, Straßenrealität und selbstbewusster Inszenierung als Marke.  In einem Keller unter einem Internetcafé im Bonner Problemviertel Brüser Berg nahm Hajabi seine ersten Tracks auf bevor er zu Xatar wurde. Doch sein Weg an die Spitze verlief nicht gradlinig – und wurde von einem Ereignis überschattet, das ihn weit über die Musik hinaus bekannt machen sollte: der spektakuläre Goldraub von 2009. Heute blickt man auf dieses Leben auch deshalb zurück, weil Hajabi im Jahr 2025 im Alter von nur 43 Jahren überraschend verstarb.

In der dreiteiligen Doku des Senders ARD „Xatar: Ein Leben ist nicht genug“ wird genau dieser außergewöhnliche Lebensweg nachgezeichnet – von den Anfängen im Bonner Untergrund bis hin zu jenem Moment, der ihn schlagartig deutschlandweit bekannt machte. Auch die Beziehung zu seiner Frau sowie die enge Verbindung zu seinem Label Alles oder Nix Records, das über Jahre hinweg sein kreatives Zentrum bildete, werden beleuchtet.

Giwar Hajabi alias Xatar: Die Doku zeichnet seinen Weg vom Straßenrapper zur prägenden Figur des ...
Giwar Hajabi alias Xatar: Die Doku zeichnet seinen Weg vom Straßenrapper zur prägenden Figur des Deutschraps nach.(Bild: NDR/Film Five/Jesse Mazuch)
Samy (re.) und Farid Bang: Stimmen aus Xatars engstem Umfeld. Sie erinnern sich an die Zeit rund ...
Samy (re.) und Farid Bang: Stimmen aus Xatars engstem Umfeld. Sie erinnern sich an die Zeit rund um den Goldraub.(Bild: NDR/Film Five/Jesse Mazuch)

Zwischen Inszenierung und Realität
Hip-Hop-Größen wie Schwesta Ewa, SSIO, Apache 207 und Farid Bang, aber auch Journalisten wie Aria Nejati oder Schauspieler Moritz Bleibtreu kommen gleich zu Beginn der Doku zu Wort. Dabei zieht SSIO einen fast schon pathetischen Vergleich: „Wenn 150 Jahre vergehen, dann wird das so etwas sein, wie wenn man über Johann Sebastian Bach spricht.“ Eine Aussage, die die Dokumentation spürbar tragen will – und die sich beim Zuschauen stellenweise tatsächlich einstellt. 
Elf Monate vor seinem Tod zeigen Interviews und Auftritte Giwar Hajabi noch einmal in voller Präsenz. Ein Satz bleibt aus einem älteren Interview mit ihm besonders hängen: „Aus dem Kampf nach oben wurde Krieg, um hier zu bleiben.“

Streaming-Kritik

 

  • GESEHEN FÜR SIE:
    „Xatar: Ein Leben ist nicht genug“
  • WERTUNG:
    Solides, aber oberflächliches Porträt mit wenig neuen Einblicken (3/5 Kronen)
  • STREAMINGDIENST:
    auf ARD abrufbar

Die Doku springt dabei früh zwischen Zeiten und Perspektiven: vom Begräbnis zu Studioaufnahmen zu persönlichen Erinnerungen und Karriere-Meilensteinen. Auch seine Frau Farvah rückt immer wieder ins Bild – erst in tiefer Trauer, dann in Momenten, in denen sie sein Vermächtnis sichtbar macht, etwa wenn sie Auszeichnungen und Nummer-eins-Alben aus dem Studio mitnimmt. „Die Liebe des Herzens kennt keinen Abschied“, sagt sie in den ersten Minuten. Szenen, die emotional wirken, aber oft nur angerissen bleiben. Zudem kommt sein bester Freund Samy zu Wort und spricht über die Anfänge sowie die jahrelange, enge Freundschaft zu Hajabi. Einen zentralen Raum nimmt der legendäre Goldraub von 2009 ein – von der Planung über die Festnahme bis hin zu den drastischen Erfahrungen im Gefängnis im Irak, die im Kontrast zum späteren Aufenthalt in Deutschland geschildert werden. 1,8 Millionen in Altgold wurden damals erbeutet: „Ich weiß nicht mehr wohin ich das Gold gebracht hab“, erzählt Samy mit einem Grinsen.

Ehefrau und jetzt Witwe: Farvah spricht über die Beziehung zu Giwar alias Xatar.
Ehefrau und jetzt Witwe: Farvah spricht über die Beziehung zu Giwar alias Xatar.(Bild: NDR/Film Five/Jesse Mazuch)
Rapper SSIO war der erste Künstler, der beim Label Alles oder Nix Records unterschreiben durfte.
Rapper SSIO war der erste Künstler, der beim Label Alles oder Nix Records unterschreiben durfte.(Bild: NDR/Film Five/Jesse Mazuch)

Magenverkleinerung und Größenwahn
Nach fünf Jahren Haft wird Xatar (Hajabi) dann 2015 vorzeitig entlassen – ein Wendepunkt, den die Doku erwartbar als Neustart inszeniert. Der Musiker präsentiert sich nun als Unternehmer und Visionär: Er baut sein Label aus, fördert Künstler wie Mero oder Eno und erschließt sich mit seinen Köfte-Spieß-Läden ein zweites Standbein. Doch genau hier bleibt der Film auffallend oberflächlich. Der rasante Aufstieg wird zwar gezeigt, aber kaum hinterfragt. Erst rund um den „Goldmann Tower“ blitzt so etwas wie Kritik auf – ein ambitioniertes Projekt, das letztlich scheitert und andeutet, dass Xatar seinen eigenen Erfolg nicht mehr vollständig kontrollieren konnte.

Kurz vor Schluss wird aber auch Xatars Gewicht thematisiert. Samy verrät dabei erstmals, dass die Rapikone sich einer Magenverkleinerung unterzogen hatte. „Er musste schnell abnehmen, weil er Herzinfarkt-gefährdet war“. Umso tragischer wirkt es im Rückblick, dass der Rapper schließlich an einem Herzstillstand starb – ein Detail, das der Doku eine bittere, fast schon zynische Note verleiht.
Am Ende bleiben vor allem Bilder seiner Familie, leise Töne statt großer Inszenierung. Diese Doku versteht sich als Andenken – an einen Künstler, Unternehmer und eine Figur, die im Deutschrap unvergessen bleibt.

Fazit: „Xatar: Ein Leben ist nicht genug“ ist ein solides, stellenweise eindringliches Porträt, das die wichtigsten Stationen seines Lebens nachzeichnet. Wirklich neue Einblicke liefert die dreiteilige Produktion jedoch kaum. Vieles bleibt an der Oberfläche, Konflikte werden nur angerissen statt vertieft. Was bleibt, ist ein würdiger, aber nicht überraschender Blick auf ein Leben voller Extreme und die Frage die wohl Xatar mit ins Grab nimmt: Wo ist denn das Gold jetzt?

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