Sender ermittelt

ORF-Missbrauch: „Warum ich an Öffentlichkeit gehe“

Österreich
30.03.2026 14:30

Auch 36 Stunden nach der „Krone“-Exklusivgeschichte zum Vorwurf gegen einen ehemaligen, hoch prominenten ORF-Mitarbeiter ist die Aufregung groß. Hausintern wird beim ORF nach dem möglichen Täter aus den 1980er-Jahren gesucht. Extern gibt es weiter Rätselraten. Die „Krone“ darf hier aus medienrechtlichen Gründen keinen Namen preisgeben.

Der Vorfall liegt zwar mehr als 40 Jahre zurück, die mutmaßliche Tat aber ist erschreckend aktuell: Sophie H. (Name von der Redaktion geändert), heute 54, hatte sich als 13-Jährige für einen Star-Treff mit einem berühmten Popsänger beim ORF gemeldet. Ein bereits damals österreichweit bekannter ORF-Mitarbeiter in äußerst prominenter Position meldete sich damals telefonisch bei dem jungen Mädchen, um nach ihrer Bewerbung das weitere Prozedere zu besprechen. Das Konzert wurde allerdings wenige Tage später abgesagt, der ehemalige ORF-Mitarbeiter lud daraufhin das junge Mädchen – quasi als „Wiedergutmachung“ – in den Sender ein, um ihr seine Arbeit hinter den Kulissen zu zeigen. Ein – noch – harmloser Termin.

Was allerdings danach geschehen sein soll, war Gegenstand eines Gerichtstermins, der im März 2025 in einem Wiener Bezirksgericht stattfand.

Sophie H. kann sich an den Vorfall erinnern, als wäre er gestern geschehen.
Sophie H. kann sich an den Vorfall erinnern, als wäre er gestern geschehen.(Bild: Imre Antal)

Oralverkehr unter Gewaltanwendung
Der Vorwurf: Der ehemalige ORF-Mitarbeiter habe die damals 13-Jährige 1985 unter Vorspiegelung falscher Tatsachen in die Wohnung einer Verwandten gelockt und soll dort Sophie H. unter Gewaltanwendung zum Oralverkehr gezwungen haben.

Sophie H. kann sich an den Vorfall erinnern, als wäre er gestern geschehen: „Ich war sexuell völlig unerfahren. Ich habe mich schrecklich geniert und konnte viele Jahrzehnte nicht darüber sprechen.“

2023 kommt es nach fast vier Jahrzehnten zu einem neuerlichen Aufeinandertreffen des Ex-ORF-Mitarbeiters und seinem mutmaßlichen Opfer. Die beiden begegnen einander zufällig in einer Wiener Pizzeria.

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Ich wollte nur, dass er sein Unrecht einsieht. Dass er sich entschuldigt.

Sophie H. 

In diesem Moment bricht aus Sophie H., Angestellte einer Kanzlei und Mutter eines Kindes, das Erlebte von damals mit voller Wucht aus. Sie kann nicht mehr schlafen, entwickelt depressive Reaktionen, wendet sich an eine Kriseninterventionsstelle und beginnt mit einer psychotherapeutischen Behandlung.

„Wollte, dass er Unrecht einsieht“
Und sie weiß: Sie will den Vorfall von damals nicht auf sich sitzen lassen, den Mann mit seiner Tat von damals konfrontieren. Eine involvierte Anwältin rät zu einem Treffen und einem außergerichtlichen Vergleich. Denn: Die mutmaßliche Tat ist bereits verjährt.

Sophie H.: „Ich wollte nur, dass er sein Unrecht einsieht. Dass er sich entschuldigt.“

2024 kommt es zu einem Treffen mit dem Ex-ORF-Mitarbeiter, heute immer noch ein hochpräsenter Medienmacher, und seinem Promi-Anwalt in dessen Kanzlei. Sophie H. wird von ihrer Anwältin begleitet. Was dort geschah, ist daher durch zumindest eine Zeugin belegt: Der mutmaßliche Täter von damals grinst, gibt ihr nicht die Hand, verhöhnt sie – denn er weiß, der Fall ist längst verjährt. Sophie H. erleidet noch vor Ort einen Nervenzusammenbruch.

2025 nimmt sie einen neuen Anlauf, die „Krone“ hat dazu volle Akteneinsicht. Es kommt zu einem zivilrechtlichen Verfahren, bei dem Sophie H. Schadenersatz fordert. Sie möchte ihre Therapiekosten ersetzt bekommen und sie verlangt Schadenersatz in der Höhe von insgesamt 7830 Euro.

Der Richterin liegt das detaillierte Gedächtnisprotokoll der Klägerin vor. Und: Sophie H. kann die Wohnung und die Einrichtung, in der der Vorfall stattgefunden haben soll, ganz genau beschreiben. Das Gericht weist die Klage allerdings wegen Verjährung ab. Nach österreichischem Recht gilt für Schadenersatz eine absolute Höchstfrist von 30 Jahren. Diese Frist, so die Richterin, beginne mit dem Zeitpunkt der behaupteten Handlung. Damit ist die Frist abgelaufen.

„Man drückt das weg“
„Warum erst jetzt?“ fragen sich viele seit gestern, seit Sophie H. ihre Geschichte via „Krone“ öffentlich gemacht hat: „Ich habe das so viele Jahre verdrängt. Die Scham über das Erlebte war so groß. Man drückt das weg. Man versucht, es aus seinem Leben zu verbannen.“

Dieses Verhalten bestätigen auch Psychologen: Die von Sophie H. vorgebrachte Verdrängung der Erinnerung wird als Dissoziation bezeichnet, ein psychisches Phänomen nach erlebten Traumata, das leider bei Missbrauchsfällen sehr häufig vorkommt.

Bis heute leidet Sophie H. unter Schlafstörungen.
Bis heute leidet Sophie H. unter Schlafstörungen.(Bild: Imre Antal)

Deshalb appelliert Sophie H. auch eindringlich: „Ich möchte alle Frauen ermutigen, über die Hürde des eignen Schamgefühls zu springen. Ich habe nichts Falsches getan, ich muss mich weder fürchten noch schämen.“ Und sie rät dringend, sich früher Hilfe zu holen, sich früher an Behörden und Gerichte zu wenden – damit Gerechtigkeit möglich wird.

Schritt in Richtung Heilung
Sie hegt auch keine Hassgefühle: „Mir hätte damals bei dem Treffen in der Kanzlei geholfen, wenn er Mitgefühl gezeigt hätte. Wenn er sein Unrecht eingesehen hätte.“ Dafür ist es jetzt zu spät. Was bleibt, ist eine mutige Frau, für die dieser Schritt an die Öffentlichkeit auch ein Schritt Richtung Heilung ist.

Denn, wie hat Gisele Pelicot, das französische Missbrauchsopfer, formuliert: „Die Scham muss die Seite wechseln.“

Für den ehemaligen ORF-Mitarbeiter und immer noch prominenten Medienmacher gilt selbstverständlich die Unschuldsvermutung.

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