17.06.2014 11:32 |

Pausenfüller im Test

"Tomodachi Life": Bizarrer Spiele-Trend aus Japan

In Japan hat Nintendo mit seiner schrägen Lebenssimulation "Tomodachi Life" im August 2013 ein erstaunliches Spiele-Phänomen geschaffen. Allein in der Release-Woche verkaufte sich das Game im Land der aufgehenden Sonne über 400.000 Mal, bis Anfang April stand der Zähler schon bei fast zwei Millionen. Rund ein Jahr nach dem Japan-Start ist "Tomodachi Life" nun auch in Österreich angekommen. krone.at hat sich den bizarren Mix aus "Sims" und "Tamagotchi" genau angeschaut – und nach umfangreichen Tests glauben wir nun ernsthaft, das Geheimnis hinter dem Erfolg des 3DS-Bestsellers verstanden zu haben.

"Ich habe Hunger", fiept das Mii-Abbild des libyschen Ex-Diktators Muammar al-Gaddafi mit blecherner Stimme aus dem 3DS. Also fix ins Lebensmittelgeschäft gepilgert, ein paar Gummifrüchte gekauft - und an den Diktator verfüttert. Der reibt sich bei der Nahrungsaufnahme mit Wohlgefallen den Bauch, Ruhe kehrt deshalb aber keine ein. In der Nachbarwohnung plagt Saddam Hussein nämlich der Liebeskummer. Und natürlich obliegt es uns, dem verschmähten Diktator Trost zu spenden – vielleicht hilft ja ein neuer Hut aus dem erst kürzlich eröffneten Hutgeschäft?

Sie verstehen nur Bahnhof? Keine Angst, uns ging es bei unseren ersten Gehversuchen mit Nintendos eigentümlicher Lebenssimulation "Tomodachi Life" nicht anders. Nach und nach kam dann aber doch Licht ins Dunkel.

Soziale Experimente am 3DS
Selbstverständlich sind weder Gaddafi noch Hussein dem Grab entstiegen. Tatsächlich handelt es sich bei den beschriebenen Vorgängen um eine ganz "normale" Szene aus "Tomodachi Life", das wir im Test kurzerhand für ein soziales Experiment in Form eines Plattenbaus voller Diktatoren genutzt haben.

Natürlich könnte man das Game ebenso mit Schulfreunden, Arbeitskollegen, ungeliebten Politikern oder der kompletten Besetzung der "Star Trek"-Filme bevölkern. Der Gedanke, einige der schlimmsten Verbrecher der Menschheitsgeschichte aufeinander loszulassen, erschien uns dann aber noch eine Spur spannender.

Schräger Mix aus Sims und Tamagotchi
Aber der Reihe nach, zunächst einmal zur zentralen Frage, was "Tomodachi Life" denn nun eigentlich ist. Nach unseren Tests trauen wir uns zu, es als bizarren Mix aus EAs Puppenhaus-Simulator "Die Sims" und dem fiependen Neunziger-Phänomen "Tamagotchi" zu klassifizieren. Als Lebenssimulation kann es dabei – angesichts der mit einem PC nicht vergleichbaren Rechenpower des 3DS kein Wunder – nicht mit den Sims mithalten.

Den Lebensraum der Tomodachis darf man nicht so detailliert verändern wie die Behausungen der Sims. Und auch in puncto Selbstständigkeit hinken die Tomodachis den Sims deutlich hinterher – im Grunde brauchen sie für fast jeden Handgriff die Hilfe des Spielers. Das Tamagotchi verweist "Tomodachi Life" damit beim Funktionsumfang natürlich auf die Plätze, stehen doch weit mehr Interaktionsmöglichkeiten mit den virtuellen Pfleglingen zur Verfügung als damals auf den eiförmigen Spielzeugen. Nur sterben können Tomodachis im Gegensatz zum Tamagotchi nicht - selbst, wenn man sie längere Zeit nicht füttert.

Spieler ist Herr über virtuelle Insel
Das Spielprinzip: Als Herrscher über ein kleines Eiland darf der Spieler seine Insel mit allerlei Miis, also animierten Comic-Abbildern realer Menschen, bevölkern – und deren virtuelles Leben beobachten und beeinflussen. Wer mag, kann andere oder sich selbst abfotografieren und automatisch in ein Mii verwandeln lassen. Alternativ werden die Figuren von "Tomodachi Life" über einen an Rollenspiele erinnernden Figuren-Generator erstellt, über das Netzwerk von Freunden importiert oder in Form eines QR-Codes eingescannt.

Eine Persönlichkeit darf der Spieler den Figuren über die Beantwortung einiger einfacher Fragen ebenfalls einhauchen. Die Möglichkeiten, das Eiland zu bevölkern, sind vielfältig. Reale Freunde, fiktive Charaktere oder eben verstorbene Despoten – "Tomodachi Life" bietet die Möglichkeit für soziale Experimente in der Hosentasche.

Spieler löst Problemchen seiner Tomodachis
Ist die Insel erst einmal bevölkert, liegt die wichtigste Aufgabe des Spielers darin, die Probleme seiner Tomodachis zu lösen. Füttert man den hungernden Gaddafi oder tröstet man den frustrierten Hussein, bekommt man Erfahrungspunkte und die Figur steigt im Level auf. Ein Level-up bringt Geld, das man in neue Dinge – Einrichtungen, Speisen, Getränke, Hüte, Kleidung, Spielwaren – investieren kann, mit denen man seinen Tomodachis Freude macht, was wiederum Erfahrungspunkte bringt.

Beim Level-up darf man seinen Schützlingen auch neue Phrasen oder Lieder beibringen, die diese – jede Figur wird über eine Sprachausgabefunktion fiepig-blechern vertont – dann hie und da zum Besten geben. Zwischendurch warten mäßig unterhaltsame Minispiele und die umso unterhaltsameren sozialen Problemchen der Inselbewohner auf den Spieler.

Fesselt pubertierende Mädchen und gestandene Männer
Wenn man so will, ist "Tomodachi Life" ein virtuelles Puppenhaus, das man mit den Abbildern echter Personen oder den Helden der eigenen Phantasie bevölkern kann. Man kann sich mit einer Vielzahl von Kleinigkeiten beschäftigen: dem Aussehen der Tomodachis, der Ausstattung ihrer Wohnungen, dem Zuzug neuer witziger Figuren. Und man kann das Leben der Tomodachis manipulieren: Romanzen anbahnen, Krankheiten heilen, ihnen mit bestimmten Speisen den Magen verderben, oder ihnen mit Geschenken neue Hobbys schmackhaft machen.

Das ist genauso sinnfrei, wie es klingt. Und doch vermag "Tomodachi Life" als Pausenfüller, das eine oder andere Schmunzeln zu provozieren – und zwar nicht nur bei pubertierenden Schülerinnen, die ihre Klassenkollegen am 3DS schinden, sondern eben auch bei gestandenen Männern, die Freude an sozialen Experimenten mit virtuellen Diktatoren haben.

Optisch und akustisch nicht Oberklasse
Das war es dann aus unserer Sicht aber unglücklicherweise auch schon wieder mit dem Spielspaß-Potenzial von "Tomodachi Life". Die Optik des Games lässt nämlich deutlich weniger Freude aufkommen als soziale Experimente mit Diktatoren. Klar bietet der 3DS nicht die gleiche Power wie ein PC, dennoch hätten wir uns bei einer Lebenssimulation etwas weniger statische Umgebungen, lebensechtere Charaktere und eine animierte Insel statt der relativ langweiligen Übersichtskarte gewünscht.

Zudem führt uns "Tomodachi Life" vor Augen, warum EA bei den "Sims" auf Sprachausgabe verzichtet: Computerstimmen, die Texte mit willkürlicher Betonung vorlesen, funktionieren einfach nicht. Entweder sie klingen unfreiwillig komisch oder einfach nur penetrant-blechern. Da helfen auch der eingängige Soundtrack und die gelungenen Soundeffekte wenig.

Präzise Steuerung, kein echter Multiplayer
Gesteuert wird "Tomodachi Life" per Stylus über den Touchscreen des 3DS. Das klappte im Test intuitiv und präzise, an der Steuerung haben wir rein gar nichts auszusetzen. Am Multiplayer-Modus hingegen schon.

Der beschränkt sich letzten Endes nämlich auf den Austausch von Tomodachis, die auf den 3DS-Geräten von Freunden und Bekannten dann ein Eigenleben führen. Ein wenig Handel ist auch integriert, zusätzlich können Screenshots von besonderen Momenten auf Facebook geteilt werden. Ein richtiger Mehrspielermodus, bei dem man das Tun des Mitspielers bemerkt, ist aber nicht enthalten.

Fazit: Als bizarr-verrückter Pausenfüller macht "Tomodachi Life" am Ende eine ganz gute Figur – auch, wenn wir die Tomodachi-Sucht ähnlich schnell wieder überwunden hatten, wie sie beim Bau unseres Diktatoren-Eilands aufkam. Das Kult-Game aus Japan ist ein witziges virtuelles Puppenhaus, das durch die selbst erstellten Bewohner immer wieder für Lacher und Grinser gut ist. Schwächen bei Grafik und Sound sind zum Teil auf die Plattform zurückzuführen, manches – etwa die Sprachausgabe und der Grafikstil – kann man auch als Geschmackssache abtun. So kommt es, dass "Tomodachi Life" aus unserer Sicht kein schlechtes Spiel ist. Dass hierzulande ein ähnlicher Hype darum entsteht wie in Japan, darf aber angezweifelt werden. Es sei denn, Diktatoren in der Hosentasche machen unverhofft Schule.

Plattform: Nintendo 3DS
Publisher: Nintendo
krone.at-Wertung: 7/10

Kommentare
Eingeloggt als 
Nicht der richtige User? Logout

Willkommen in unserer Community! Eingehende Beiträge werden geprüft und anschließend veröffentlicht. Bitte achten Sie auf Einhaltung unserer Netiquette und AGB. Für ausführliche Diskussionen steht Ihnen ebenso das krone.at-Forum zur Verfügung.

User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB).

Samstag, 19. September 2020
Wetter Symbol
Ihre Cookies sind deaktiviert. Die Seite wird daher möglicherweise nicht korrekt angezeigt.