Islamisten-Vormarsch
Irak droht Bürgerkrieg wie bei Nachbar Syrien
"Ganz Tikrit ist den Händen der Kämpfer", sagte ein Polizeioberst am Mittwochnachmittag. Die Kämpfer sollen in der Stadt rund 300 Gefängnisinsassen befreit haben. Zuvor hatten sich die Aufständischen schwere Gefechte mit den Sicherheitskräften geliefert. Einem ranghohen Polizeibeamten zufolge griffen ISIL-Kämpfer die Stadt aus nahezu allen Richtungen gleichzeitig an.
Türkisches Konsulat in Mossul gestürmt
Tikrit liegt 160 Kilometer nördlich von Bagdad und ist die Geburtsstadt des früheren irakischen Machthabers Saddam Hussein, der nach der US-Militärinvasion gestürzt und hingerichtet wurde. In der Millionenstadt Mossul, die sich bereits seit Dienstag in den Händen der Islamisten befindet (siehe Story in der Infobox), stürmten die Dschihadisten nach türkischen Regierungsangaben am Mittwoch das Konsulat der Türkei und nahmen insgesamt 48 Menschen als Geiseln.
Unter den Geiseln in Mossul befindet sich nach übereinstimmenden Angaben der türkische Konsul. Auch drei Kinder sollen in der Gewalt der Terroristen sein. Die Geiseln wurden aus dem Konsulatsgebäude in einen Stützpunkt der Dschihadisten gebracht. Nach Angaben der türkischen Behörden sind alle unversehrt.
Gefechte rund 110 Kilometer nördlich von Bagdad
Islamisten lieferten sich am Mittwoch nach Polizeiangaben auch am nördlichen Zugang der Stadt Samarra schwere Gefechte mit irakischen Sicherheitskräften. Augenzeugen zufolge setzten die Aufständischen Lastwagen ein, auf denen Maschinengewehre montiert waren.
In Samarra, das 110 Kilometer von Bagdad entfernt liegt, befindet sich ein von schiitischen Muslimen verehrter Schrein. Dieser war im Jahr 2006 bei Bombenangriffen beschädigt worden - was wiederum einen religiös motivierten Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten zur Folge hatte, der das Land in eine Gewaltspirale stürzte und Zehntausende Menschen das Leben kostete.
Islamisten nehmen strategisch wichtige Orte ins Visier
In den vergangenen Tagen hatten die ISIL-Kämpfer große Teile der Regionen Ninive, Anbar und Salah ad-Din nordöstlich von Bagdad unter ihre Kontrolle gebracht, berichtete der Nachrichtensender Al-Jazeera. In einem im Internet kursierenden Propagandamagazin verbreitete die ISIL Bilder von exekutierten irakischen Soldaten.
Als strategisch wichtigen Ort eroberten die Extremisten Baiji rund 200 Kilometer nördlich von Bagdad, wie Medien berichteten. Dort wollten sie die Ölraffinerie und das Elektrizitätswerk unter ihre Kontrolle bringen, das auch die Hauptstadt mit Strom versorgt. Die Aufständischen "sind über Nacht aufmarschiert und haben das Gerichtsgebäude sowie eine Polizeiwache im Stadtzentrum in Brand gesteckt", berichtete ein Sicherheitsmann in Baiji. Von Stammesführern kommandierte Milizen hätten die Islamisten jedoch vom Elektrizitätswerk vertreiben können.
Extremisten erbeuten Waffenarsenale der Armee
Der für Notstandsmaßnahmen zuständige Direktor der Organisation Human Rights Watch sagte, die ISIL habe auf ihrem Feldzug große Waffenarsenale der irakischen Armee erbeutet. Die Waffen könne die Terrorgruppe nun ins Bürgerkriegsland Syrien einschleusen.
Mit ihrem Vormarsch Richtung Bagdad stürzt die Terrorgruppe ISIL den Irak jedenfalls in die schwerste innenpolitische Krise seit dem Abzug der US-Truppen Ende 2011. Allein aus Mossul flohen rund 500.000 Menschen vor den Extremisten. Sie hätten ihre Wohnhäuser aus Angst vor gewalttätigen Übergriffen verlassen, berichtete die Internationale Organisation für Migration (IOM). Durch Kämpfe habe es unter der Zivilbevölkerung "eine hohe Zahl von Opfern" gegeben. Das Vorgehen der Islamisten löste international Entsetzen und Besorgnis aus.
Ausnahmezustand soll Kampf gegen Islamisten erleichtern
Am Donnerstag soll das irakische Parlament über die Forderung von Ministerpräsident Nuri al-Maliki beraten, den Notstand zu verhängen. Damit hätte der umstrittene schiitische Regierungschef mehr Befugnisse, um in den Konflikt mit den sunnitischen Aufständischen einzugreifen. Viele Sunniten fühlen sich benachteiligt durch die schiitisch dominierte Regierung.
Die Terrorgruppe ISIL macht sich diesen Machtkampf zwischen Sunniten und Schiiten im Irak zunutze. Die Umgebung von Mossul gehört seit langer Zeit zu den Hochburgen der Organisation. Einen Rückzugsort findet sie aber auch jenseits der Grenze in den syrischen Nordprovinzen.
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