Di, 16. Juli 2019
23.05.2014 15:30

Grobe Panne bei Test

US-Militärs konnten Atomrakete nicht zurückerobern

Die US-Atomstreitkräfte kommen nicht aus den Negativ-Schlagzeilen: Hatte sich nach einer Reihe von Skandalen zuletzt sogar Verteidigungsminister Chuck Hagel besorgt über den Zustand der Truppe geäußert, sind jetzt große Sicherheitslücken bei den Abschussanlagen bekannt geworden: Laut einem internen Bericht des Militärs konnten Angreifer bei einer Übung eine atomar bestückte Interkontinentalrakete in ihre Gewalt bringen. Den Sicherheitsleuten gelang es nicht, das Silo zurückzuerobern.

Nach dem Auffliegen einer ganzen Reihe von Verfehlungen bei den strategischen Atomstreitkräften - von illegalen Drogen bis hin zum Betrug bei Leistungstests - hatte sich in den letzten Monaten in den USA die Frage aufgedrängt, wie sicher die 450 Interkontinental-Atomraketen der Weltmacht tatsächlich sind.

Die Waffen vom Typ "Minuteman III", die in Silos auf drei Luftwaffenbasen in den Bundesstaaten Montana, Wyoming und North Dakota stationiert sind, können innerhalb von 30 Sekunden nach dem Befehl des Präsidenten abgefeuert werden. Die "Minuteman"-Raketen sind jeweils mit einem bis drei Atomsprengköpfen bestückt. Jeder verfügt über eine Sprengkraft von etwa 200 bis 500 Kilotonnen TNT, was in etwa dem 15- bis 40-Fachen der Hiroshima-Atombombe entspricht.

Atomwaffen wegen US-Kriegen aus dem Auge verloren
Der Verteidigungsminister betonte zwar Anfang des Jahres, dass die US-Atomwaffen sicher seien. Er sei aber "tief besorgt" über den gesamten Zustand, die Professionalität und die Disziplin der strategischen Streitkräfte. Angesichts der beiden langjährigen Kriege im Irak und in Afghanistan seien die Atomraketen-Streitkräfte jedoch etwas aus dem Blickwinkel geraten, musste Hagel zugleich eingestehen.

Waren in Folge der jüngsten Atomraketen-Skandale heuer im März insgesamt neun Offiziere gefeuert worden, ist jetzt eine weitere folgenschwere Panne öffentlich geworden: Wie die Nachrichtenagentur AP berichtete, fand auf der Malmstrom Air Force Base in Montana, wo 150 der insgesamt 450 mit Atomsprengköpfen versehenen US-Interkontinentalraketen stationiert sind, eine Übung mit beunruhigendem Ergebnis statt.

Bei dem Test im Sommer 2013 sollte das zuständige Sicherheitsteam auf ein "Empty Quiver"-Szenario ("Leerer Köcher") reagieren, bei dem eine Atomwaffe gestohlen wird oder anderweitig verloren geht. Konkret sei simuliert worden, wie Angreifer in ein Raketensilo einbrechen und bis zur "Minuteman"-Rakete vordringen. Allerdings seien die Sicherheitskräfte laut einem internen Bericht des US-Militärs nicht in der Lage gewesen, das Silo zügig wieder unter ihre Kontrolle zu bringen.

Interner Bericht: "Kritischer Mangel"
Das sei ein "kritischer Mangel", heiße es in dem Dokument, das der Nachrichtenagentur mittels Anfrage auf Basis des US-Informationsfreiheitsgesetzes zugänglich gemacht wurde. Zwar sei es in der Übung nicht darum gegangen, dass die Angreifer die Atomrakete hätten starten können - dafür müsste man verschlüsselte Befehle entziffern, die direkt vom Präsidenten kommen. Allerdings hätten die "Bösen" sehr wohl an die nuklearen Sprengköpfe herankommen können.

Das Versagen bei dem simulierten Angriff sei auch der Grund dafür gewesen, warum der 341st Missile Wing der US-Luftwaffe einen größeren Sicherheitstest im August 2013 nicht bestanden habe. Damals hatte die US-Air-Force lediglich von "Fehlern auf taktischer Ebene" während einer Phase der Inspektion gesprochen. Von einem Versagen der Sicherheitskräfte war bislang keine Rede gewesen.

Unzureichendes Training und schlechte Führungskultur
Der jetzt öffentlich gewordene Bericht nennt die Gründe für die brisante Panne: Diese sei vor allem auf unzureichendes Training zurückzuführen. Die Sicherheitskräfte seien nicht an Übungen mit "komplexen Szenarien" gewohnt. Auch gebe es Mängel in der Führungskultur, und es fehle an standardisierten Simulationen - nicht nur an der Malmstrom Air Force Base, sondern bei den Atomstreitkräften insgesamt.

Der Leiter des damals für den Pannen-Test verantwortlichen Sicherheitsteams in Malmstrom war übrigens neun Tage nach dem Versagen seiner Truppe gefeuert worden. Und auch seinen Nachfolger hielt es nicht lange im Amt. Er trat nach weniger als einem Jahr heuer im März von seinem Posten zurück.

Bleibt nur zu hoffen, dass die USA künftig mehr Geld in die Ausbildung ihrer Atomstreitkräfte stecken. Die Weltmacht plant laut einer Studie immerhin in den nächsten 30 Jahren die gigantische Summe von einer Billion Dollar in die Erneuerung ihres Atomwaffenarsenals zu investieren (siehe Story in der Infobox).

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