„Nur 3 Monate Sprit“
Energie-Lücke ist Europas größte Achillesferse
Die Bedrohungslage durch Russland lässt in Europa immer mehr Sorgenfalten entstehen. Während Milliarden Euro in neue Waffensysteme fließen, rückt nun eine andere, oft unterschätzte Frage in den Mittelpunkt: Reicht der Treibstoff – für Panzer, Jets, Lkw, Krankenhäuser? Eine Managerin des Rüstungskonzerns Rheinmetall warnt in einem Interview eindringlich: Im Ernstfall könnte es schneller eng werden, als viele glauben.
Im Podcast „Das Klima-Labor“ von ntv sagt Rheinmetall-Managerin Shena Britzen: „Europa hat etwa 60 Raffinerien. Das ist das Rückgrat unserer Treibstoffversorgung.“ Und weiter: „Unsere Vorräte reichen für drei Monate Kriegsführung. Dann sind die Lager leer.“
EU-Vorgabe zielt nur auf zivilen Bedarf ab
Hintergrund ist eine seit 1968 geltende EU-Vorgabe, wonach Mitgliedstaaten Ölreserven für mindestens 90 Tage des Normalverbrauchs vorhalten müssen. Diese Regelung deckt den zivilen Bedarf ab. In einem Szenario mit massiv erhöhtem militärischem Verbrauch – etwa durch Panzer, Kampfflugzeuge und Transportfahrzeuge – sowie möglichen Angriffen auf Raffinerien würde dieser Zeitraum laut Britzen deutlich schrumpfen.
Britzen: „... das bricht zusammen“
„Kraftstoffe sind der Mittelpunkt einer jeden Verteidigungsbereitschaft“, sagt Britzen weiter. Ohne sie funktioniere nichts – weder militärisch noch zivil: „Krankenhäuser, Einsatzkräfte … das bricht zusammen.“ Sie spricht von der „größten Flanke unserer Verteidigungsbereitschaft“.
Der Verweis auf die Verwundbarkeit der Infrastruktur ist konkret: Russland habe im Zuge des Ukraine-Krieges bereits rund 15 Prozent seiner Raffineriekapazität verloren, unter anderem durch Drohnenangriffe. Energieanlagen rückten zunehmend in den Fokus militärischer Auseinandersetzungen.
Erneuerbare Energie soll Problem lösen
Rheinmetall will deshalb ein europaweites Netz sogenannter „Energieinseln“ aufbauen. Dabei handelt es sich um kleinere, autarke Anlagen zur Produktion synthetischer Kraftstoffe. Mithilfe von Elektrolyseuren – unter anderem vom Dresdner Cleantech-Unternehmen Sunfire – soll aus erneuerbarem Strom grüner Wasserstoff erzeugt werden. Daraus ließen sich synthetischer Diesel oder Kerosin herstellen.
Die Idee: dezentrale, voneinander unabhängige Anlagen mit einer Jahresproduktion von rund 5000 Tonnen Kraftstoff. Sie sollen mit lokal verfügbarer Energie aus Wind, Sonne, Wasser- oder Geothermiekraft betrieben werden. „Wind und Sonne sind immer da – egal, ob Krieg oder Frieden herrscht“, sagt Britzen bei ntv. Fällt eine Anlage aus, sollen andere weiterproduzieren.
Zum Vergleich: Große Anlagen erreichen laut Britzen rund 100.000 Tonnen pro Jahr, benötigen dafür aber etwa 200 Windräder. Eine 5000-Tonnen-Anlage komme mit etwa zehn Windrädern aus – eine Größenordnung, die gesellschaftlich eher akzeptiert sei.
Thema sicherheitspolitisch aufgeladen
Noch ist die Technologie teuer. „Ein Liter synthetisches Kerosin kostet vier bis fünf Euro“, sagt Sunfire-Chef Nils Aldag im ntv-Podcast. Das erschwere den Markthochlauf. Zwar ließen sich die Kosten perspektivisch auf ein bis zwei Euro senken, doch ohne politische Unterstützung werde sich die Produktion nicht rasch im großen Maßstab durchsetzen. „Nach normalen Marktprinzipien passiert das nicht“, so Aldag.
Versorgungswege besonders verwundbar
Auch sicherheitspolitisch wird das Thema aufgeladen. Kira Vinke von der Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) sagt dem Sender: „Die Energiewende ist in unserem sicherheitspolitischen Interesse.“ Europa importiere rund 98 Prozent seines Ölbedarfs und etwa 88 Prozent des Gasbedarfs. Abhängigkeiten – erst von Russland, nun stärker von den USA beim Flüssiggas – blieben ein Risiko.
Vinke verweist zudem auf die Verwundbarkeit von Versorgungswegen. In Afghanistan seien laut ihren Angaben 60 Prozent der verwundeten und gefallenen NATO-Soldaten im Bereich Logistik erfasst worden – insbesondere in der Kraftstofflogistik. „Durchhalten“ sei daher selbst eine militärische Fähigkeit.
Expertin: Keine Option, sondern Notwendigkeit
Der Aufbau eines solchen dezentralen Netzwerks würde laut Britzen „an die 400 Milliarden Euro für Europa“ kosten. Auf Deutschland entfielen demnach 30 bis 50 Milliarden Euro. Das Geld würde in Photovoltaik, Windkraft, Netze, Wasserstoffproduktion, CO₂-Abscheidung und E-Fuel-Synthese fließen.
Für Britzen ist das keine optionale Zukunftsinvestition, sondern eine sicherheitspolitische Notwendigkeit. „Strategie ist für Amateure. Profis sprechen über Logistik“, zitiert sie im ntv-Interview einen US-General aus dem Zweiten Weltkrieg – und macht klar, worum es ihr geht: Nicht nur neue Waffen entscheiden über Verteidigungsfähigkeit, sondern die Frage, ob am Ende noch genug Treibstoff im Tank ist.









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