In Nigeria entführt

Wenige Mädchen entkamen Islamisten: “Wir rannten”

Ausland
07.05.2014 11:00
276 Schülerinnen wurden vor drei Wochen in Nigeria von Islamisten der Boko Haram entführt - gefunden wurden bisher nur wenige, die todesmutig auf eigene Faust entkommen konnten. Eines der Mädchen hat nun erzählt, wie sie mit wenigen anderen floh: "Wir rannten und rannten, so schnell." Indes wächst in Nigeria und dem Rest der Welt die Wut über die Unfähigkeit der Behörden, die entführten Mädchen zu finden - nun haben sogar die USA ihre Hilfe angekündigt.

Die Nachrichtenagentur AP hat mit einem der etwa 50 geflohenen Mädchen gesprochen. Ihr zufolge hörten die Schülerinnen an jenem verhängnisvollen Tag vor drei Wochen in ihrem Schlafsaal Schüsse aus einer nahe gelegenen Stadt im Nordosten Nigerias. Daraufhin seien Männer in Uniformen aufgetaucht, so die 16-Jährige, was die Mädchen zuerst beruhigt habe. "Keine Sorge, wir sind Soldaten", hätten die Bewaffneten gesagt, "euch wird nichts passieren."

Islamisten statt Soldaten
Die Männer - mehr, als sie habe zählen können - hätten dann verlangt, dass die gut 300 Schülerinnen der Chibok-Schule sich draußen versammeln. Nachdem sie alle Lebensmittel hinausgetragen hätten, hätten sie die Schule in Brand gesetzt. "Sie fingen an, 'Allahu Akbar' (Gott ist groß; Anm.) zu schreien", so das Mädchen. "Und wir wussten es..." Die Erkenntnis: Es handelte sich mitnichten um Soldaten, sondern um Mitglieder der gefürchteten Islamistengruppe Boko Haram.

Diese hätten die Mädchen anschließend auf Pickup-Trucks gezwungen und seien mit ihnen durch den Wald gefahren, berichtet die 16-Jährige gegenüber der AP. Nach der Fahrt durch drei Dörfer habe der Wagen mit den Extremisten, der ihnen gefolgt sei, eine Panne gehabt. Die Mädchen hätten diskutiert, doch eine habe schließlich zur Flucht angetrieben: "Sie können mich erschießen, wenn sie wollen, aber ich weiß nicht, was sie sonst mit mir tun werden."

"Ich hatte keine Zeit, Angst zu haben"
Bei der Flucht sei der Wagen hinter ihnen plötzlich wieder angesprungen, so das Mädchen. Ob die Männer ihnen gefolgt seien, könne sie nicht sagen: "Wir rannten und rannten, so schnell." Vermutlich rettete ihr diese Taktik - sie sei immer stolz gewesen, schneller als ihre sechs Brüder zu laufen - das Leben. "So habe ich mich gerettet. Ich hatte keine Zeit, Angst zu haben, ich bin nur gerannt."

Auch einigen weiteren Mädchen sei die Flucht gelungen, erzählt die 16-Jährige, sie hätten sich im Unterholz versteckt. Schließlich hätten sie den Rückweg zur Straße gewagt, wo sie ein Mann auf einem Fahrrad aufgelesen und nach Hause zurück begleitet habe. Dort seien Freudentränen geflossen: "Ich bin das einzige Mädchen in meiner Familie, daher habe ich einen speziellen Platz und jeder war glücklich." Das jedoch habe nicht lang angehalten.

Militär und Regierung am Pranger
Schließlich stellte sich eine Mitteilung des Verteidigungsministeriums vom nächsten Tag als falsch heraus, wonach fast alle Mädchen gerettet worden seien. In Wahrheit haben nur etwa 50 der 276 Schülerinnen den Weg nach Hause gefunden. Mindestens zwei sollen inzwischen an Schlangenbissen gestorben sein, 20 weitere sollen erkrankt sein, wie ein Vermittler herausfand.

Das Vertrauen in die Behörden tendiert dementsprechend gegen null, weshalb die Familien der Mädchen seither auf eigene Faust suchen. Der Wald in dem Gebiet ist allerdings gewaltig - er umfasst beinahe 60.000 Quadratkilometer. Selbst als sie eine Spur der Mädchen hatten, habe das Militär seine Hilfe verweigert, berichtete ein Betroffener. In der Gegend seien generell kaum Soldaten zu sehen, obwohl das Militär und die Regierung behaupteten, jeder Spur nachzugehen.

Laut AP ist die Moral bei den Soldaten allerdings äußerst schlecht, da die Boko Haram wesentlich besser bewaffnet und ausgerüstet sei. Mehr als eine Mahlzeit pro Tag sei kaum drin, heißt es. Nun ruhen die Hoffnungen auf der Mithilfe der USA, offenbar sollen Spezialisten anreisen. Zudem würden Geheimdienstinformationen ausgetauscht, erklärte ein US-Behördenvertreter.

Zwangsehen, Vergewaltigung, Sklaverei
Für viele Mädchen könnte das alles aber zu lange dauern. Einige seien bereits zu Ehen mit ihren Entführern gezwungen worden, erklärten Eltern. Die Schülerinnen erwarten damit nicht nur Vergewaltigungen, sondern auch ein noch gefährlicheres Leben. Andere sollen bereits über die Grenze nach Kamerun und den Tschad gebracht worden sein - auch dort drohen ihnen Zwangsehen und der Verkauf in die Sklaverei.

Die Islamisten machen indes ungerührt weiter: Am Dienstag sollen elf weitere Mädchen zwischen 12 und 15 Jahren im Nordosten Nigerias von Boko-Haram-Anhängern entführt worden sein.

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