Die „Krone“ stellt alle heimischen Kandidaten für den Song Contest vor. Sidrit Vokshi rutschte erst durch die Absage von Tamara Flores in die Ausscheidungssendung „Vienna Calling“ (20. Februar, 20.15 Uhr, ORF 1), will nun aber mit „Wenn ich rauche“ zum Hauptbewerb in die Wiener Stadthalle. Mit der „Krone“ sprach er über Identität, Austropop und Zerbrechlichkeit.
„Krone“: Sidrit, was hat dich dazu bewogen, dich für die ORF-Show „Vienna Calling“ und in weiterer Folge für den Song Contest in Wien zu bewerben?
Sidrit Vokshi: Ich kenne den Bewerb seit meiner Kindheit und fand ihn schon immer magisch. Es ist eine große Bühne, wo alle zusammenkommen und sich die Kulturen vereinen. Das hat mich motiviert und ich dachte mir dann: „Warum nicht?“ Ich erfülle mir jetzt diesen Traum und trau mich einfach drüber.
Rund 520 Bewerberinnen und Bewerber gab es insgesamt – du bist bei den Top-Zwölf dabei. Wie fühlt sich das für dich an?
Ich bin sehr erfreut und natürlich auch überrascht, weil ich am Ende nicht mehr damit gerechnet habe. Ich war ja erst nur Ersatzkandidat und rutschte dann spontan rein. Jetzt sind wir mittendrin und alles geht extrem schnell. Ich erkenne jede Künstlerin und jeden Künstler an und habe großen Respekt vor allen, aber ich bin nicht da, um zuzuschauen, sondern will mitmischen und am Ende beim Song Contest dabei sein.
Stichwort Ersatzkandidat: Du warst anfangs nicht bei den zwölf Finalisten dabei und bist nachgerutscht, weil Tamara Flores ihre Teilnahme kurz nach Bekanntwerden aller Finalisten zurückzog. Wie und wann hast du davon erfahren, dass du jetzt doch in der Ausscheidungsshow mitmachen wirst?
Als ich davon erfahren habe, war ich gerade 1000 Kilometer weit entfernt in Deutschland und ehrlich überrascht. Wir haben nicht damit gerechnet und waren mitten in der Vorbereitung für die nächsten Singles, die ich veröffentlichen möchte. Die Info kam sehr überraschend und hat mich gefreut. Jetzt sitze ich hier und wir reden miteinander über den Song Contest – das ist schon ein Wahnsinn.
Die anderen Pläne hast du jetzt wohl verschoben …
Wir werden alles zusammen kombinieren. Unlängst kam die Single „Blind“ raus und wir sind im Team überzeugt, dass „Wenn ich rauche“ die richtige Nummer für den Song Contest ist. Schauen wir mal, was weiter passiert.
Wie wichtig ist dir „Vienna Calling“? Welchen Stellenwart hätte der Song Contest für deine Lebensplanung als Künstler?
Letzten Endes versuche ich, den Leuten ein pures Gefühl meiner Musik mitzugeben. Ich bin seit meiner Kindheit in Musik verliebt und gehe diesen Weg schon länger. Der Weg selbst hat sich mit den Jahren gezeichnet. Ich habe das Gefühl, dass jetzt die richtige Zeit gekommen ist, um zu zeigen, wer ich bin und was ich möchte. Ich will eine direkte Verbindung zu den Zuhörern und Gänsehaut erschaffen. Das war früher schon das Ziel und ist es heute umso mehr. Was sich geändert hat, ist die große Chance, die mir jetzt gegeben wird. Ich bin mir absolut bewusst, was das bedeutet und es ist für mich eine große Ehre, dass ich das erleben darf.
Erzähl uns doch mal ein bisschen von dir und deinem Werdegang. Wie bist du überhaupt zur Musik gekommen?
Als ich der Musik das erste Mal begegnet bin, war das wie Magie für mich. Ich war gerade einmal fünf Jahre alt und mein Vater wollte mir etwas am Klavier beibringen und war sich wohl selbst nicht sicher, was er da gerade tat. Ich war von Anfang an gefesselt und dieses Gefühl ging nie wieder weg. Musik ist mein Ventil und sie ist meine Identität. Ich habe in den letzten Jahren viel gesucht, um dahin zu kommen, wo ich heute bin. Ich machte früher Musik unter dem Namen Hinterkopf, das geht heute nicht mehr. Ich habe jetzt eine Barriere durchbrochen, in der das pure Ich steckt. Ich habe keine Ängste und Zweifel mehr, scheue nicht das Licht der Öffentlichkeit. Ich kaschiere nichts mehr und trage alles dick auf – meine Schwächen und meine Zerbrechlichkeit. All das fließt in meine Musik hinein. Ich besitze ein absolutes Gehör und kann, seit ich klein bin, hinter jedem Ton ein Bild sehen. Das ist mein großes Können und das hat mich bis hierher geleitet.
Welche Erfahrungen oder Erlebnisse liegen dem zugrunde, dass du dich heute so offen und verletzlich zeigen kannst?
Man macht sich im Leben viel vor und sucht nach den Dingen, die weit weg oder unerreichbar sind. Man sollte vielmehr auf die Dinge achten, die schon da sind, also habe ich zunehmend versucht, nach innen zu schauen. Mir kommt oft vor, wir schauen vorwärts und lernen rückwärts. Wenn ich einen Sound oder eine Melodie liebe, dann ist ein Lied für mich gut. Es darf sich nicht falsch anfühlen, das ist das Wichtigste. Als mir mein Vater dieses Klavier vor die Nase gehalten hat, war das ein Schlüsselmoment in meinem Leben. In diesem Moment habe ich meine Liebe entdeckt, ohne sie genau benennen zu können. Ich bin der Musik von da an immer treu geblieben und dann haben sich die weiteren Kapitel wie von selbst ergeben. Bislang waren die Reise und der Weg das Ziel.
Dir ist vor allem der Austropop ein besonderes Anliegen. Was macht diesen Stil für dich so besonders?
Zum Austropop bin ich gekommen, als ich damals als Flüchtling in Traiskirchen ankam. Ich komme ursprünglich aus Albanien und als wir hier angekommen sind, gab es einen CD-Player. Ich habe auf „Play“ gedrückt und hörte dort Maria Bill mit „I mecht landen“. Ich habe zu diesem Zeitpunkt kein einziges Wort verstanden, aber dadurch umso mehr gefühlt. Ich habe mich sofort in dieses Lied verliebt. Es war Liebe auf den ersten Klang. Vielleicht war es auch richtig, dass ich nichts verstanden habe. Den Humor und die Wärme des Austropop liebe ich bis heute, obwohl ich musikalisch viele Stationen gegangen bin. Ich komme eigentlich vom Hip-Hop und dem geschriebenen Wort, aber ich kann auch Sachen schreiben, die ich im Hip-Hop nicht vermitteln kann, die einen anderen Rahmen brauchen. Ich spürte das Kribbeln, mich woanders auszuprobieren. Irgendwann war die Angst weg und ich ließ meinen Gedanken freien Lauf.
Ist Musik für dich deshalb Identität, weil sie so vielseitig ist? Weil du dich darin in so vielen verschiedenen Worten, Genres und Inhalten ausdrücken kannst?
Musik ist Magie. In jedem Stil und jeder Interpretation. Ich wollte die Musik nie reduzieren und war deshalb schon immer ein Allesfresser. Ich liebe Musik in jeder Form und möchte genau diese Vielschichtigkeit und Kombinationsfähigkeit anderen näherbringen. Eine Brücke schaffen zwischen dem, was ich mir wirklich denke und was der Zuhörer dann bekommt.
Bei „Vienna Calling“ trittst du am 20. Februar in ORF 1 mit dem Lied „Wenn ich rauche“ an. Es geht jetzt nicht um eine Werbung für den Glimmstängel an sich – wovon handelt dieser Song?
Das letzte Jahr war für mich voller Höhen und Tiefen mit Themen wie Trennung und schweren Entscheidungen. Bis ich an einen gewissen Punkt ankam, bei dem ich wusste, ich kann und will mich nicht mehr zurückhalten. Ich brauchte ein Ventil, so habe ich mich mit David Slomo und Thomas Kreuz zusammengesetzt und wir haben diese Nummer geschrieben. Sie haben es mir erst ermöglicht, diese pure Essenz von mir nach außen zu tragen. Zerbrechlich und voller Schwächen – dafür haben sie mir einen grünen Boden geschaffen. Mit ihnen war es mir möglich, eine Schicht zu durchbrechen. „Wenn ich rauche“ ist die Geschichte eines Mannes, der einen großen Verlust erlebt hat und versucht, die Nähte jeden Tag zu schließen. Doch immer wenn er an seine verflossene Liebe denkt, reißt alles wieder auf. Er geht von einer Bar zur nächsten und vergisst, wie es einmal war.
Name: Sidrit Vokshi
Mein Song für den ESC: „Wenn ich rauche“
Herkunft: Albanien/Niederösterreich
Musikalisches Idol: Gert Steinbäcker (STS)
Liebster heimischer Song-Contest-Teilnehmer: Conchita Wurst
Liebster ESC-Song: „Can’t Wait Until Tonight“ (Max Mutzke, 2004)
Diesen Platz hole ich beim ESC für Österreich: Platz 1, 7 oder 19 – meine Lieblingszahlen.
Wie habt ihr den Song musikalisch gelöst?
Wir haben uns auf vier bis fünf klassische Pop-Akkorde und das richtige Gefühl geeinigt.
Habt ihr das Lied bewusst für den Song Contest geschrieben oder hatte das damit per se nichts zu tun?
Das Lied wurde nicht bewusst für den Song Contest geschrieben. Es ging mir eher um das Ventil für meine Gefühle – wie in einem Bootcamp. Wir haben uns etwa vier Tage eingeschlossen und Musik gemacht und als dieser Song fertig war, haben wir erst die große Dramaturgie in der Thematik bemerkt. Wir hatten sofort das Gefühl, der Song könnte größer sein als wir glauben und dass sich jeder Mensch damit identifizieren könne. Von allen Songs aus den Schreibsessions in diesem Camp hat uns dieser am magischsten berührt. Er schrieb sich wie von selbst, es war nichts geplant oder erzwungen. Es war die Therapie von einem puren, traurigen und verzweifelten Gefühl.
Was bedeutet dir der Song Contest als Bewerb an sich? Verfolgst du ihn schon länger und verbindest du damit besondere Erinnerungen?
Tatsächlich fand dort einer meiner All-Time-Lieblingssongs statt: „Fly On The Wings Of Love“ von den Olsen Brothers, mit dem sie 2000 gewannen. Vier Jahre später hat mich „Can’t Wait Until Tonight“ von Max Mutzke begeistert. Mir gefiel von Anfang an die Idee, dass es eine Plattform gibt, wo alle zusammenkommen und ihre Musik und Kultur so präsentieren können, wie sie es für richtig halten. Ich bin sehr stolz darauf, dass ich für Österreich bei „Vienna Calling“ an den Start gehen und dort auf Deutsch singen kann. Österreich hat mir so viel gegeben, jetzt kann ich auch mal etwas zurückgeben. Vielleicht ist jetzt der richtige Zeitpunkt, um das zu machen. Neben den beiden vorher genannten Songs liebe ich übrigens auch „Hard Rock Hallelujah“ von Lordi.
Der Song Contest in Wien wird heuer auf jeden Fall so politisch wie vielleicht nie zuvor. Fünf Länder haben wegen der Teilnahme Israels zurückgezogen, dafür sind drei andere wieder im Bewerb integriert. Was bedeutet es für dich als Künstler, dass die politische Komponente so viel Gewicht hat?
In erster Linie sehe ich mich als Musiker und Gaukler und dort liegt auch meine Expertise. Ich bin ein normaler Mensch und möchte, dass jeder in Ruhe und Frieden leben kann und hoffentlich das für sich erreicht, was er sich wünscht. Aus meiner Perspektive kann ich nur Musik abliefern, das ist meine Kraft. Ich möchte einen Gänsehautmoment erschaffen. Die Thematik von „Wenn ich rauche“ mit dem gebrochenen Mann ist sehr persönlich. Ich will damit die Leute berühren und die Magie von mir auf alle anderen weitergeben.
Beim Song Contest geht es auch um Optik und Performance. Auch wenn du dich für den Bewerb selbst im Mai erst qualifizieren musst, hast du dir schon überlegt, wie das Bühnensetting aussehen könnte? Wie diese persönliche Thematik visuell am besten umsetzbar wäre?
Spannende Frage. Vor meinem geistigen Auge sehe ich das Rampenlicht auf einen Mann gerichtet, der am Flügel sitzt und daneben ist eine Bar. Nach der ersten Strophe wechselt die Szene von der Einzelperformance am Klavier zu einer Barperformance. Prinzipiell habe ich das Gefühl, dass Musik per se nicht viel braucht, man sie aber mit Superlativen aufblasen kann. Wenn es um die Gänsehautmomente geht, reichen aber oft ein Ton oder die pure Stimme. Auf diese Welten setze ich.
Wird dein Klavier auch in Flammen aufgehen, so wie bei den Makemakes beim Song Contest 2016 in Wien?
(lacht) Ich glaube nicht, aber vielleicht setze ich Trockeneis ein.
Mit welchen Erwartungen und Hoffnungen gehst du in die Ausscheidungssendung „Vienna Calling“?
Das wichtigste Ziel für mich ist, mich von meiner authentischen Seite zu zeigen, mich dem Publikum zu öffnen und eine Verbindung aufzubauen. Wir Kandidaten und Kandidatinnen kennen uns natürlich aus der Musikszene. Alle sind sehr stark und es ist gut, dass das Publikum und die Jury entscheiden. Unter den letzten Zwölf ist niemand mehr Fallobst, es haben alle verdient, hierherzukommen. Es ist ein schöner Wettbewerb, der auf einer sportlichen und respektvollen Ebene stattfinden wird. Ich wünsche allen das Beste – mir aber auch. (lacht)
Gibt es Glücksbringer, auf die du als Musiker setzt?
Ich sage immer zu mir selbst: „Siri, du machst dir jetzt einen wunderschönen Moment“. Das ist mein Wohlfühlcode. Wenn ich in Gedanken zu mir spreche, gelingt mir hoffentlich, was ich mir vornehme.
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