70 Minuten hatte Herbert Kickl beim Neujahrstreffen in Klagenfurt – und die nutzte er wie gewohnt: für einen Rundumschlag gegen die Regierung („eine dreifärbige Hydra mit zu vielen Köpfen“), den Bundespräsidenten („der Schulsprecher“), die EU („der Abschleppwagen Österreichs“) und viele mehr. Vor allem zu Beginn wirkte der FPÖ-Chef aber fast melancholisch: Die Bühne hier sei „zu groß für ihn alleine“. Ein Stimmungsbericht.
Wie gewohnt heizte ab 10 Uhr die John-Otti-Band dem Publikum ein, bevor die FPÖ-Spitzen aus ganz Österreich in einem feierlichen Zug einmarschierten. Die Veranstaltung, für die auf Plakaten mit „Kickl kommt heim“ geworben wird, bildet den politischen Start ins neue Jahr für die Bundes-FPÖ.
Eine Stunde später ging es dann los und vom Rednerpult wurde ausgeteilt: Nach dem Klagenfurter Stadtparteiobmann Gernot Darmann und dem Kärntner Landesparteichef Erwin Angerer gehört die Bühne Kickl selbst.
Zwischen Rundumschlag und Melancholie
Für ihn wurden rund 90 Minuten Redezeit reserviert, geredet hat er schließlich 70 Minuten lang – und die nutzte er wie gewohnt für einen Rundumschlag gegen alle, vor allem das „System“. Zu Beginn gab es aber auch persönliche Worte: Seine Mama, die er am Sonntag besuchen will, solle sich zudem nicht so viele Sorgen um ihn machen.
Vor den Toren der Messehalle fanden bereits vor 10 Uhr Proteste gegen das blaue Großevent statt – auf Plakaten sind unter anderem Sprüche wie „Kein Fußbreit dem Faschismus“ und „Smrt Fašizmu“ (deutsch: Tod dem Faschismus) zu lesen. „Wir sind heute hier, weil wir aufzeigen, wie hetzerisch und verachtend Kickl und seine Partei sind“, sagt eine Demonstrantin.
Auf der anderen Straßenseite drängen etliche Menschen ins Messezentrum, wo sie auch mit Metalldetektoren kontrolliert werden. Überall spielt Musik: beim Eingang eine Trachtenkapelle, in der großen Halle die John-Otti-Band.
Aus dem ganzen Land reisten die Freiheitlichen Funktionäre an – von den Chefs der Länderorganisationen und Bundespolitiker wie Nationalratspräsident Walter Rosenkranz, über EU-Abgeordnete wie Harald Vilimsky aber auch Volksanwalt Christoph Luisser und ORF-Stiftungsrat Peter Westenthaler.
Kickls Herz „pumpert“ im Dialekt
Nach kurz gehaltenen Reden von Darmann und Angerer nimmt Kickl die Bühne für sich ein – immer wieder in den Kärntner Dialekt abrutschend erzählt er, wie sein „Herz pumpert“ und er ob des Applauses „Ganslhaut“ bekommt. Seinen Anhängern verspricht er: „Es wird unser Jahr, es wird ein freiheitliches Jahr!“ Er komme sich hier in Kärnten fast so vor wie der verlorene Sohn, und habe „riesengroße Sehnsucht nach meinem Kärntnerland.“ Will Kickl etwa doch als Landeshauptmann in seiner Heimat kandidieren?
Jörg Haider war ein Schutzpatron der österreichischen Gesellschaft – danke Jörg! Der Koralmtunnel sollte Haider-Tunnel heißen!
Herbert Kickl über den 2008 verstorbenen Kärntner Landeshauptmann
Gegen die Regierung teilte der FPÖ-Chef in gewohnter Manier aus, bezeichnete sie als Hydra – „dreifärbig mit 21 Köpfen“ – und als „Wapplertruppe“. Österreich sei dank der Dreierkoalition im Rollatormodus. Bundespräsident Alexander Van der Bellen bekommt freilich auch Kritik ab: „Er degradiert Österreich zu einem Beiwagerl der Europäischen Union!“
Österreich ist im Rollatormodus!
kritisiert Herbert Kickl die Bundesregierung.
Kickl wenig emotional, Publikum verhalten
„Es braucht einen Volkskanzler, der die Seele des Volkes versteht“, fordert Kickl, der anders auftritt, als man ihn kennt: Seine Rede hört sich monoton an, er spricht, nicht wie sonst, emotional. Das Publikum macht es ihm nach: Der Applaus ist meist verhalten, während der Bundesparteiobmann auf der Bühne steht, wird unter den Zuschauern weiter geredet. Zurufe gibt es nur ab und zu – bei Erwähnungen von Haider oder dem „Gender-Wahn“.
Bei mehreren Hütten gibt es Kaffee, Soft Drinks und Bier zu kaufen – lange muss man nirgends anstehen, die „Kärntner Schmankerl“ scheinen gar nicht zu interessieren.
Am Ende seiner Rede wird er lauter, emotionaler. Ruft den „Phönix-Plan“ für Österreich auf: Nur mit den Blauen an der Macht werde das Land – wie der mystische Vogel – aus der Asche auferstehen. Applaus brandet auf, die Fahnen wehen. Kickl bedankt sich und die John Otti Band übernimmt, mit der neuen blauen Hymne: „Immer vorwärts, FPÖ“. Noch einmal wird geschunkelt und gejubelt, dann ist das Treffen so gut wie vorbei. „Das ist kein Stummfilm, ihr dürft applaudieren“, ermuntert der Moderator noch bei der Runde der Parteispitzen.
Die Halle leert sich, der Müll wird aufgesammelt, bei „Immer wieder Österreich“ werde noch Fahnen geschwenkt. Dann ist der blaue Jahresauftakt vorbei. Und Herbert Kickl widmet sich wieder Wien.
Kickl spaltet die Nation
Die Freiheitlichen agieren aktuell aus einer Position der Stärke. In Umfragen stehen die Blauen historisch gut da. „Der Höhenflug der FPÖ in den Umfragen liegt nicht daran, dass der Kickl so gut ist. Sondern daran, dass diese Regierung so schwach ist“, erklärte jüngst Burgenlands SPÖ-Landeshauptmann Hans Peter Doskozil in gewohnt bissiger Manier.
Die FPÖ sieht das freilich anders. Obwohl: Kickl selbst spaltet nach wie vor die Nation. Im aktuellen APA-OGM-Vertrauensindex landet er auf dem vorletzten Platz. Nur ÖVP-Klubobmann August Wöginger, der aktuell mit Postenschacher-Vorwürfen zu kämpfen hat, schneidet im Ranking schlechter ab.
Willkommen in unserer Community! Eingehende Beiträge werden geprüft und anschließend veröffentlicht. Bitte achten Sie auf Einhaltung unserer Netiquette und AGB. Für ausführliche Diskussionen steht Ihnen ebenso das krone.at-Forum zur Verfügung. Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.
User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB). Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.