"Starker Mann"

Wie tickt Kreml-Chef Wladimir Putin wirklich?

Ausland
08.03.2014 17:00
Das Psychogramm des zurzeit mächtigsten Mannes. Warum er die Welt in Atem hält und damit in seiner Heimat gar nicht so schlecht ankommt.

"Wladimir Putin, der Demokrat", lautet der wohl kürzeste russische Witz. Dabei ist der Kreml-Zar sehr wohl vom Volk gewählt. Mit großer Mehrheit. Und diese Mehrheit meint es durchaus ernst. Sie steht auf Putin, sie steht auf den starken Mann, den er so gerne markiert – im Judo-Dress, als Pilot in einem Kampfjet, mit nacktem Oberkörper in der Wildnis, einen Tiger mit dem Betäubungsgewehr niederstreckend oder in sonstigen martialisch-männlichen Posen. Und sie steht auch jetzt hinter Putin, wo er der Welt wieder einmal zeigt, dass mit dem russischen Bären nicht zu spaßen ist, sei es auf der Schwarzmeer-Halbinsel Krim, in der restlichen Ukraine oder sonst wo auf der Erde. Wo die Welt wieder zittert vor Russland.

Kreml-Chef von Trauma gezeichnet
Putin hat ein Trauma, das hat er selbst einmal gesagt. Der Zusammenbruch der Sowjetunion, so sagte er, sei ein Albtraum gewesen für ihn. Und, so unverständlich das uns im Westen auch erscheinen mag, er teilt diesen Albtraum mit vielen, sehr vielen seiner Landsleute. Das Zarenreich, die Sowjetunion – die Russen sind seit Hunderten Jahren an zwei Dinge gewöhnt, die ihnen ins Blut übergegangen sind: In ihrer Heimat werden sie von einer starken, oft unvorstellbar grausamen Macht geknechtet, doch das Ausland fürchtet sie als unbezwingbare Macht. Von Napoleon bis Hitler, alle sind unter unsäglichen, millionenfachen Opfern auf beiden Seiten schlussendlich versunken im russischen Sumpf. Und dafür, so wurde es den Menschen über viele Generationen eingebläut, muss jedes Opfer erbracht werden. Die russische Heimat und der Kampf dafür stehen über allem. Es kommt nicht von ungefähr, dass der Zweite Weltkrieg in Russland als "Großer Vaterländischer Krieg" bezeichnet wird.

So ist auch Putin sozialisiert. Und sein großes Trauma vom Zerfall des Weltmachtstatus mit dem Ende des Kalten Krieges hat ihn zu seinem großen Traum geführt: die Errichtung einer Neo-Sowjetunion, einer Eurasischen Zollunion, wie er es nennt, in der Russland die ehemaligen Sowjet-Teilrepubliken wieder ganz eng an sich bindet, sich intensiver in Richtung Osten und China orientiert und dem Westen – den USA wie auch der EU – etwas entgegenzusetzen hat.

Krim - "für immer und ewig" dem russischen Reich einverleibt?
Der bekannte US-Geostratege Zbigniew Brzeziñski hat einmal geschrieben, die Ukraine mache den Unterschied, ob Russland "im Wesentlichen ein asiatischer imperialer Staat" sei, oder ein "mächtiger imperialer Staat, der Europa und Asien umfasst".

Da Putin ein neo-sowjetisches Imperium erschaffen will, kann er auf die Ukraine nicht verzichten, sie ist für ihn so etwas wie ein Puffer oder Schutzwall in Richtung Westen, eine Art Glacis, wie einst der Bereich der heutigen Ringstraße vor den Mauern von Wien. Und schon gar nicht kann er auf die Krim verzichten, die unter der – deutschstämmigen – Zarin Katharina der Großen "für immer und ewig" dem russischen Reich einverleibt worden ist. Vor deutlich mehr als 200 Jahren. Nur einer Laune des (in der Ukraine geborenen) Sowjet-Führers Nikita Chruschtschow ist es zu verdanken, dass die Krim heute zur Ukraine gehört (hat). Er hat die Halbinsel vor 60 Jahren einfach seiner Heimat geschenkt.

Unverblümte Einmischung nicht hinnehmbar?
Der Westen ist allerdings nicht schuldlos an der jetzigen Entwicklung. Seine unverblümte Einmischung in den Umsturz in Kiew, seine klare Parteinahme für die neuen Machthaber konnte Putin aus seiner Sicht nicht hinnehmen. Vor allem konnte er auch nicht hinnehmen, dass man ihn nicht ernst nimmt.

Denn genau das ist es, was der Westen Putin und damit auch seinen Landsleuten seit Langem signalisiert. Zuletzt bei den Olympischen Spielen in Sotschi, wo man den Eindruck hatte, so mancher im Westen würde einen Terroranschlag geradezu herbeisehnen, damit Putin blamiert wird.

"Starker Mann" gilt mehr als ein lupenreiner Demokrat
In der Ukraine und auf der Krim hat der Kreml-Zar den Spieß umgedreht, und plötzlich zittern alle und beklagen einen "Bruch des Völkerrechts". Wer im Westen, kann Putin zu recht fragen, reagierte auch nur annähernd so aufgebracht, als die USA im Irak einmarschierten, als die NATO Gadafi wegbombte oder wenn die Chinesen ihre Seegrenzen verschieben?

Auf der Krim zeigt Putin dem Westen die lange Nase – und kommt damit sehr gut an in seiner Heimat, in der für viele Menschen ein "starker Mann" an der Spitze immer noch viel mehr gilt als ein lupenreiner Demokrat.

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