Lage spitzt sich zu
Warum setzt Russland für Krim so viel aufs Spiel?
Die Konfrontation mit dem Westen im Streit um die Ukraine hat ihre bisher höchste Eskalationsstufe erreicht. Putin hatte am Samstag die Erlaubnis erhalten, Streitkräfte auf der von Spannungen erschütterten Halbinsel Krim einzusetzen. Die Erlaubnis bezieht sich allerdings auf einen Militäreinsatz zum Schutz russischer Bürger auf dem gesamten ukrainischen Territorium. Ausdrücklich um Hilfe gebeten hat aber bisher nur die russisch geprägte Halbinsel Krim. Der neue moskautreue Krim-Regierungschef Sergej Aksjonow befürchtet, dass im Auftrag der neuen Regierung in Kiew Übergriffe auf die russische Bevölkerung zunehmen könnten.
"Historischen Chance", sich das Gebiet zurückzuholen
Viele Russen halten die Krim auch 60 Jahre nach der Übergabe an die Ukraine weiter für ihr Territorium. Dass Kremlchef Nikita Chruschtschow die Halbinsel 1954 einfach seiner Heimat zuschanzte, sieht die große Mehrheit der Menschen in Putins Reich als Ungerechtigkeit. Verbreitet ist daher in Moskau die Meinung von einer "historischen Chance", sich das Gebiet nun zurückzuholen.
Und nicht wenige Russen meinen angesichts der sich überstürzenden Ereignisse, dass sogar die russischsprachigen Gebiete im Osten und Süden der Ukraine sich abspalten und wieder an Russland fallen könnten.
Krim will zurück zu Russland, Putin will Landsleute schützen
Auf der Halbinsel im Schwarzen Meer ist ein enorm hoher Anteil an russischstämmiger Bevölkerung - er liegt bei mehr als 60 Prozent. Vor allem die schnelle Entscheidung der ukrainischen Übergangsregierung, Russisch als zweite Amtssprache abzuschaffen, hat den russischen Präsidenten Putin auf den Plan gerufen. Denn in Moskau fühlt man aus historischen und strategischen Gründen eine starke Verantwortung für Russen und Russischstämmige, die außerhalb der Landesgrenzen wohnen.
Seit dem Zerfall der Sowjetunion 1991 lebt nämlich ein sehr hoher Anteil der Russen gar nicht in Russland selbst. Etwa 17 Millionen leben in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion und circa sechs Millionen in weiteren Staaten.
Moskaus Schutz für Auslandsrussen
Die sogenannte Putin-Doktrin aus dem Jahr 2003 ist eine Reaktion auf den schwindenden russischen Einfluss in den ehemaligen Sowjetrepubliken. Russland bemüht sich seither, diese Staaten in politischen und wirtschaftlichen Angelegenheiten weiter zu beeinflussen. Diese außen- und sicherheitspolitische Strategie äußert sich unter anderem in der Unterstützung pro-russischer Medien sowie russlandnaher Parteien und Politiker. Doch wirklich erweitert wurde die Möglichkeit zum Eingreifen im Ausland durch die neue Militärdoktrin aus dem Jahr 2010. Danach können Streitkräfte zum Schutz russischer Bürger auch im Ausland eingesetzt werden.
Ukraine ist nur das letzte Beispiel für Interventionen
Nicht nur wegen der Stationierung der russischen Schwarzmeerflotte auf der Krim schaute Moskau immer mit besonderem Blick auf die Ukraine. "Viele Russen verstehen die Ukraine als Brudervolk, weil man eine gemeinsame Geschichte und auch heute enge Verbindungen hat", sagt Susan Stewart, stellvertretende Leiterin der Forschungsgruppe Osteuropa und Eurasien der Stiftung Wissenschaft und Politik. Dass mehr als acht Millionen Menschen in der Ukraine Russisch als Muttersprache sprechen, ist ein weiteres verbindendes Element. Daher gerät Putin in Russland selbst unter Druck, sich für diese Bevölkerung vor allem im Osten der Ukraine einzusetzen.
Es ist nicht das erste Mal, dass Moskau in anderen Ländern mit dem Hinweis auf den nötigen Schutz der Russen aktiv wird: So weist die jetzige Situation nach Ansicht Stewarts Parallelen zum Eingreifen des russischen Militärs im Georgien-Konflikt 2008 auf. Auch damals wurde die Intervention zugunsten der abtrünnigen georgischen Provinzen Abchasien und Südossetien mit dem Schutz der dort lebenden Russen begründet.
Militärintervention wäre "Lose-lose"-Situation
Beobachter sehen die derzeitigen Spannungen aber mit Sorge. Balazs Jarabik vom Central European Policy Institute in Bratislava hält eine russische Militärintervention oder eine Abspaltung der Krim für unwahrscheinlich, weil es zu einer "Lose-lose"-Situation führen würde. Es käme zu einem "ethnischen Konflikt mit den (Krim-)Tartaren", der seit dem 13. Jahrhundert dort verwurzelten türkischstämmigen Bevölkerung, die zwölf Prozent der Bewohner ausmachen. Unter Diktator Stalin wurden die Tartaren deportiert. Ihre Nachkommen sehen Moskau bis heute mit tiefem Argwohn.
"Russland wird Kontrolle nicht aufgeben"
Russland werde seine "Kontrolle" über die Krim trotzdem nicht aufgeben, ist Maria Lipman von der Carnegie-Stiftung in Moskau überzeugt. Denn die Krim sei Moskau.
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