Ein Rechtsanwalt ist Österreichs neuer Regierungschef: Im ersten großen Interview spricht Christian Stocker über seine steile Karriere, Scharfzüngigkeit und Samthandschuhe und warum ihn Bezeichnungen wie „Wendehals“ oder „Kanzler ohne Haare“ gar nicht kränken.
Im „Kreiskyzimmer“ am Ballhausplatz hat sich nichts verändert, seit hier Dr. Christian Stocker, neunter ÖVP-Bundeskanzler der Zweiten Republik und erster „Doktor“ nach Brigitte Bierlein, eingezogen ist. An der Wand hängen Schwarz-Weiß-Porträts von Leopold Figl und Julius Raab, nur auf dem historischen 300-Kilo-Schreibtisch steht jetzt die beleuchtete, blaue Vespa, die ihm Büronachbarin Claudia Plakolm geschenkt hat. Der neue Regierungschef trägt mitternachtsblauen Anzug, hellblau-weiß-karierte Krawatte und zum Jackett passende dunkle Manschettenknöpfe. Aus seinem linken Ärmel blitzt eine Rolex Explorer mit orangem Zeitzonen-Zeiger. Stocker trinkt einen Espresso und erklärt seine Welt mit der Ruhe und Gelassenheit eines tibetischen Buddhas.
„Krone“: Grüß Gott Herr Bundeskanzler. Ich habe gelesen, Sie mögen diese Begrüßung …
Christian Stocker: „Grüß Gott“ ist der Gruß, der aussagt, wie ich familiär geprägt bin und der mich schon mein ganzes Leben begleitet. Ich komme aus einem konservativen Elternhaus und wurde vor allem von meinen Großeltern im katholischen Glauben erzogen. Ich war in der Schule auch Ministrant. Diese Begrüßung war am Land üblich und ich habe sie beibehalten.
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