"In der ersten Liga"

Nach zehn Jahren: Kroatien ist in der EU angekommen

Ausland
01.07.2013 07:14
Zehn Jahre nach seinem Beitrittsantrag ist Kroatien nun das 28. Mitglied der EU. Vor Tausenden Menschen haben kroatische und europäische Politiker den Balkanstaat am Sonntagabend in feierlicher Stimmung am Hauptplatz von Zagreb willkommen geheißen. "Wenn wir die Chance nicht jetzt ergreifen, dann schaffen wir es niemals", sagte Kroatiens Premier Zoran Milanovic. Doch trotz Feierlaune sind sowohl die Kroaten als auch Europa skeptisch. Die einen glauben nicht, dass der Beitritt allein alles besser macht, die anderen fürchten sich vor einem Schicksal ähnlich jenem Griechenlands.

Kroatien hat auf dem langen Weg in die EU zahlreiche Lasten abgelegt. Es hat in Den Haag mit den Kriegsverbrechen aus dem Jugoslawien-Krieg abgerechnet, der Korruption den Kampf angesagt und größtenteils für Rechtssicherheit gesorgt. Die Mahnung der EU-Kommission, bei Reformen weiter am Ball zu bleiben, will Kroatien ernst nehmen. "Wir sind jetzt in die erste Liga gekommen, in der wir nicht unten bleiben dürfen", sagte Präsident Ivo Josipovic.

Wirtschaftlich liegt Kroatien tatsächlich am unteren Ende der EU-Tabellen: "Verschuldet wie Griechenland" ist in Kroatien seit jeher ein Ausdruck für jemanden, der pleite ist. Doch auch um Kroatien selbst steht es nicht zum Besten: Das Wirtschaftswachstum bleibt das fünfte Jahr in Folge aus, die Arbeitslosigkeit ist mit 22 Prozent eine der höchsten in der EU, insbesondere bei den Jungen. Verwunderlich ist daher nicht, dass viele junge Menschen das Land verlassen wollen. Auch hier stehen Reformen an.

"Westlicher Balkon mit Blick auf Westbalkan"
Im Land selbst ist die Meinung zum EU-Beitritt einhellig: Für die Kroaten ist die Mitgliedschaft logisch und ein Recht, das ihnen zu lange verwehrt wurde, sei es von den eigenen Politikern, sei es von den hartnäckigen Brüsselern. Denn sie sahen sich immer als ein Teil Europas, nicht als Teil des Balkans und seinem oft negativen Image. "Zwischen dem westlichen Balkan und dem westlichen Balkon wähle ich den westlichen Balkon mit Blick auf den Westbalkan", sagte der Politologe Andjelko Milardovic in einer Diskussionsrunde vor dem Beitritt.

Die jugoslawische Vergangenheit und der Krieg 1991 bis 1995, der zum Zerfall des Vielvölkerstaates führte, lässt sich aber nicht abstreifen. Die kroatische Politik will das auch nicht zur Gänze, man sieht sich als Brücke zwischen seinen Nachbarn im Westbalkan und der EU. Streitigkeiten mit dem Nachbarn Slowenien wurden erfolgreich beigelegt.

Persönliche Worte beim Festakt in Zagreb
Der Beitritt als 28. Mitglied der EU wurde in der Nacht auf Montag jedenfalls gebührend gefeiert. Ministerpräsident Milanovic wurde in seiner Rede an die Bürger und die Gäste persönlich: "Ich muss in dieser historischen und feierlichen Nacht subjektiv über Kroatien sprechen, denn das ist unter anderem ein Kroatien, das wir träumen und bauen: Ein Mosaik, zusammengesetzt aus viereinhalb Millionen freier Auffassungen über das eigene Land, seine Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft."

Das sei ein Europa, das man gemeinsam mit anderen bauen werde, sagte der Premier in Anspielung auf die EU-Anwärter Serbien, Bosnien und Herzegowina oder auch Montenegro. "Kroatien flüchtet in dieser Nacht nirgendwohin. Wir bleiben, wo wir sind, aber mit neuer Verantwortung. Wir reichen den Ländern der Region die Hand, die europäischen Kriterien so bald wie möglich zu erfüllen", so Milanovic, der den Balkan als "Element der kroatischen Identität und Vergangenheit" bezeichnete. Mit diesen Ländern verbinde Kroatien der Kampf gegen den Faschismus im Zweiten Weltkrieg. Die Länder hätten sich durch den Krieg in den 1990er-Jahren voneinander entfernt.

"Wir glauben zutiefst, und das macht die heutige Nacht eine fröhliche, dass die EU und alle ihre Mitglieder offen dafür sein werden, Kroatiens Besonderheit als Grundelement ihrer großartigen und vielfältigen Identität zu erleben. Das wichtigste strategische Projekt Kroatiens in der EU sei die Entwicklung und der Ansporn der intellektuellen Neugier", sagte der kroatische Premier.

"Das ist der Tag, an dem unsere Träume in Erfüllung gingen"
Kroatiens Präsident Ivo Josipovic ergänzte: "Das ist der Tag, an dem unsere Träume in Erfüllung gingen. Nicht nur unserer Generation, sondern vieler vorangegangener Generationen unseres Volkes." "Europa war, ist und wird eine Idee sein, der wir angehören. Wir waren, sind und bleiben Europäer. Europa ist ein Schlüsselelement unserer Identität." Das sei nicht nur wegen der geografischen Lage, sondern auch der Werte der Fall.

An erster Stelle stehe die Freiheit, die für Generationen die leitende Idee gewesen sei, und die die Freiheit jedes Einzelnen beinhalte. "Freiheit beinhaltet die Solidarität unter Menschen", so Josipovic.

Viele Gratulanten aus EU-Kreisen
Litauens Präsidentin Dalia Grybauskaite wählte ein sportliches Bild in ihrer Rede, in Anspielung auf Basketball, der in beiden Ländern erfolgreich ist: "Von heute an hat Europa einen weiteren starken Spieler", sagte Grybauskaite, die ihrem Amtskollegen Josipovic ein Basketball-Dress mit dem Motto "One team – One dream" ("Ein Team – Ein Traum") überreichte.

Kommissionspräsident Jose Manuel Barroso gratulierte dem kroatischen Volk, dank dessen harter Arbeit der Beitritt möglich gewesen sei: "Ihr habt Kroatien an seinen richtigen Ort, ins Herz Europas, gebracht." Kroatien trete gut vorbereitet bei, es habe sich "enorm gewandelt" und sei eine "volle Demokratie", so Barroso. "Heute ist ein Ende des Prozesses, aber ein Beginn einer neuen Erfolgsgeschichte."

EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy kam in seiner Rede auf die turbulenten Zeiten in der EU zu sprechen: "Bei den kommenden Herausforderungen werdet ihr sehen, dass die Mitgliedschaft nicht nur aus der Achtung und Gestaltung von Regeln besteht, sondern auch in der Aufteilung von Verantwortung für unser gemeinsames Vorhaben. In guten wie in schlechten Zeiten, an schönen und an regnerischen Tagen, müssen wir als Union vereint bleiben", sagte Van Rompuy. EU-Parlamentspräsident Martin Schulz meinte: "Willkommen zu Hause."

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