Boston-Attentäter

Vierfacher Mord: Dzhokhar Tsarnaev formell angeklagt

Ausland
27.06.2013 21:47
Mehr als zwei Monate nach dem Terroranschlag in Boston ist der Verdächtige Dzhokhar Tsarnaev (kleines Bild rechts) formell angeklagt worden. Ihm wird unter anderem vorgeworfen, vier Menschen getötet und bei der Attacke am 15. April Massenvernichtungswaffen eingesetzt zu haben, teilte das US-Justizministerium am Donnerstagabend mit. Insgesamt umfasst die Anklage vor dem Bundesgericht nach Medienberichten 30 Punkte. Allein auf 17 der Anklagepunkte steht die Todesstrafe oder lebenslange Haft.

Der 19-Jährige soll gemeinsam mit seinem 26-jährigen Bruder Tamerlan (kleines Bild links) zwei Bomben im Zieleinlauf des Bostoner Marathons gezündet haben. Bei dem Anschlag Mitte April wurden drei Menschen getötet und mehr als 260 weitere verletzt (Bild 2). Auf ihrer Flucht sollen die aus einer tschetschenischen Familie stammenden Brüder außerdem einen Polizisten erschossen haben.

Die Ermittler kamen Tamerlan und Dzhokhar Tsarnaev durch Videoaufnahmen auf die Spur, die Überwachungskameras am Anschlagsort gemacht hatten. Der ältere Bruder wurde wenige Tage nach der Attacke bei einer nächtlichen Verfolgungsjagd mit der Polizei getötet. Dzhokhar Tsarnaev wurde kurz darauf schwer verletzt gefasst.

Grand Jury: Beweise genügen für Anklage
Die Ermittler vermuten einen radikalislamischen Hintergrund. Ende April hatte die US-Justiz ein Strafverfahren gegen den jüngeren Tsarnaev eingeleitet. Eine aus Laienrichtern bestehende sogenannte Grand Jury entschied nun, dass die Beweise gegen den mutmaßlichen Attentäter für eine Anklage ausreichen. Am 10. Juli soll er zur Verlesung der Anklage erstmals vor Gericht erscheinen, wie die Staatsanwaltschaft erklärte.

In der Anklageschrift wird Tsarnaev vorgeworfen, spätestens ab Februar dieses Jahres gemeinsam mit seinem Bruder einen Bombenanschlag geplant zu haben. Am 15. April hätten die Brüder dann zwei Sprengsätze inmitten der jubelnden Menge beim Bostoner Marathon gelegt und diese im Abstand von wenigen Sekunden gezündet. Die Bomben bauten die beiden den Angaben zufolge selbst aus Schnellkochtöpfen, Schwarzpulver und Splittern zusammen.

Flucht mit fünf Sprengsätzen, Pistole, Machete, Jagdmesser
Als die Bundespolizei FBI die Fahndungsfotos der Verdächtigen veröffentlichte, seien die Tsarnaev-Brüder am 18. April mit fünf weiteren Sprengsätze, einer halbautomatischen Pistole, einer Machete sowie einem Jagdmesser zum Campus der Universität MIT gefahren. Dort hätten sie den Polizisten Sean Collier erschossen, heißt es in der Anklageschrift. Anschließend hätten die Brüder ein Auto gestohlen, den Fahrer entführt und ausgeraubt.

Nachdem ihre Geisel flüchten konnte, sollen sich Tamerlan und Dzhokhar Tsarnaev den Angaben zufolge eine Schießerei mit Polizisten geliefert haben. Dabei hätten die Brüder vier weitere Bomben auf die Beamten geworfen. Dzhokhar Tsarnaev habe dann auf der Flucht seinen Bruder mit dem Auto überfahren. Anschließend habe sich der 19-Jährige im Bostoner Vorort Watertown in einem Boot versteckt, wo er am darauffolgenden Abend festgenommen wurde.

Behörden glauben nicht an Mittäter
Bei der Suche nach einem Motiv hatte das FBI vor allem eine sechsmonatige Kaukasus-Reise von Tamerlan Tsarnaev im vergangenen Jahr unter die Lupe genommen. Dort könnte der ältere Bruder mit radikalen Islamisten in Kontakt gestanden sein. Die US-Behörden gehen dennoch davon aus, dass die Attentäter allein handelten.

Tsarnaev soll Medienberichten zufolge vor seiner Festnahme in seinem Versteck ein Bekennerschreiben verfasst haben. Er habe den Anschlag darin als Vergeltung für US-Militäreinsätze im Irak und in Afghanistan bezeichnet. "Wer einen Muslim angreift, greift alle Muslime an", soll der 19-Jährige an die Innenwand des Boots gekritzelt haben (siehe Infobox).

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