4. Toter in Bulgarien

Selbstanzündung als letzter Ausweg aus der Misere

Ausland
22.03.2013 12:28
Bulgarien wird derzeit von einer Reihe von Selbstanzündungen erschüttert. Die verzweifelten Menschen protestieren damit gegen die soziale Misere sowie die Korruption im ärmsten Staat der EU. Am Freitag erlag bereits der vierte Bulgare seinen Verletzungen nach einer Selbstverbrennung. Bulgarien hat dringend eine neue Sozialpolitik nötig: Von den 7,3 Millionen Einwohnern leben rund 1,5 Millionen unter der Armutsgrenze von umgerechnet 120 Euro im Monat.

Als der 40-jährige Todor Jowtschew am Mittwoch mit schweren Verbrennungen ins Krankenhaus der Hafenstadt Silistra eingeliefert wurde, sagte er zu den Ärzten: "Ich habe keine Arbeit und kann nicht einmal Brot für mein Kind kaufen."

Der Mann hatte sich zuvor im Dorfstadion von Sitowo im Nordosten Bulgariens angezündet. Am Freitag verloren die Ärzte den Kampf um sein Leben. Es war die sechste Selbstverbrennung in Bulgarien in diesem Jahr. Zum vierten Mal endete eine solche Verzweiflungstat tödlich.

Schwarze Serie seit Februar
Den Anfang in der Reihe der Selbstanzündungen machte am 19. Februar ein Mann aus dem mittelbulgarischen Weliko Tarnowo. Er setzte sich auf einem Zebrastreifen in Brand. Ende Februar trieben Arbeitslosigkeit und Armut einen Vater von fünf Kindern im südbulgarischen Dorf Radnewo in den Verbrennungstod. Besonders öffentlichkeitswirksam war der Versuch eines arbeitslosen Eisenschmieds, sich vor dem Präsidentensitz in Sofia selbst zu verbrennen. Sicherheitskräfte retteten sein Leben.

Parallelen zu Selbstanzündungen in Tibet
Selbstanzündungen hat es auch in anderen Ländern immer wieder gegeben. So verbrannten sich seit 2009 Dutzende Tibeter aus Protest gegen die chinesische Unterdrückung. Ein junger Tunesier löste mit seiner Selbstverbrennung Ende 2010 soziale Unruhen aus, die schließlich zum Arabischen Frühling führten. 1969 verbrannte sich der tschechische Student Jan Palach aus Protest gegen den Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen öffentlich in Prag. Er wurde zur Symbolfigur für den Widerstand gegen den Kommunismus.

Der "Feuerliche" als Symbolfigur der Protestbewegung
Mit Plamen Goranow hat nun auch Bulgarien einen Jan Palach. Der 36-Jährige zündete sich am 20. Februar in Warna an. Er forderte damit den Rücktritt des Altbürgermeisters der Hafenstadt, dem er korrupte Machenschaften vorwarf. Am landesweiten Trauertag für Goranow legte der Beschuldigte schließlich sein Amt nieder.

Goranow, dessen Vorname auf Deutsch mit "feuerlich" übersetzt werden kann, wurde schnell zur Symbolfigur der Protestbewegung seines Landes. Mit Massendemonstrationen (siehe Bilder) gegen hohe Strompreise und Korruption erzwang sie am Tag seiner Selbstanzündung den Rücktritt der bürgerlichen Regierung in Sofia. Daraufhin wurde ein Übergangskabinett eingesetzt, um Neuwahlen am 12. Mai vorzubereiten.

Das orthodoxe Kirchenoberhaupt Neofit rief die Bulgaren auf, sich trotz der Massenarmut "unter keinen Umständen" das Leben zu nehmen. "Die Bulgaren dürfen nicht der Hoffnungslosigkeit zum Opfer fallen", sagte er. In der Zeitung "24 Tschassa" warnte zudem der prominente Psychiater Hristo Hinkow nach der dritten Selbstanzündung: "Jeder öffentliche Selbstmord kann eine Kettenreaktion auslösen."

Regierung will Armut zumindest teilweise lindern
Angesichts der dramatischen Ereignisse erklärte die Interimsregierung am Donnerstag, dass sie die Armut zumindest teilweise lindern will. Bedürftige sollen Energiezuschüsse erhalten sowie bei der Behandlung behinderter Kinder unterstützt werden. Geplant sei außerdem die Schaffung neuer, wenigstens provisorischer Arbeitsplätze, sagte Sozialministerin Dejana Kostadinowa dem Fernsehsender bTV.

Regierungschef Marin Rajkow rief die Unternehmer auf, zu helfen: "Ich möchte, dass die bulgarischen Industriellen darüber nachdenken, wie sie ihre Solidarität mit ihren Mitbürgern zum Ausdruck bringen." Dies könne sie "als Sozialpartner legitimieren", meinte Rajkow mit Blick auf die für Freitag geplanten Gespräche zwischen Arbeitgebern, Gewerkschaften und Regierung.

Loading...
00:00 / 00:00
Abspielen
Schließen
Aufklappen
kein Artikelbild
Loading...
Vorige 10 Sekunden
Zum Vorigen Wechseln
Abspielen
Zum Nächsten Wechseln
Nächste 10 Sekunden
00:00
00:00
1.0x Geschwindigkeit
Ausland
22.03.2013 12:28
Loading
Kommentare Banner - Die Stimme Österreichs

Da dieser Artikel älter als 18 Monate ist, ist zum jetzigen Zeitpunkt kein Kommentieren mehr möglich.

Wir laden Sie ein, bei einer aktuelleren themenrelevanten Story mitzudiskutieren: Themenübersicht.

Bei Fragen können Sie sich gern an das Community-Team per Mail an forum@krone.at wenden.

Kostenlose Spiele
Vorteilswelt

Magazine der Kronen Zeitung