Zwei Kinder mit Autismus in zwei Klassen – und nur 30 Stunden Schulassistenz. Ein Lehrer an einer Grazer Mittelschule schlägt Alarm: „Es braucht dringend eine Lösung!“ Das neue System in der Steiermark läuft nach wie vor holprig.
Die Kennenlernwoche auf der Teichalm steht bevor: eine große, aufregende Sache für die Schüler des ersten Jahrgangs an einer Grazer Mittelschule. Darunter sind auch zwei Kinder mit Autismus, die im Alltag auf die Unterstützung von Schulassistenten angewiesen sind. Bei einem Kind muss allerdings die Mutter mitfahren – denn nur ein Schulassistent kann nächste Woche mit dabei sein.
Seit heuer ist das System der Schulassistenz in der Steiermark neu aufgesetzt, die Kritik von betroffenen Eltern, Direktoren, Lehrern und Trägerorganisationen reißt nicht ab. Darunter ist Alexander Schappek, Klassenvorstand an der Mittelschule: „Das neue Gesetz ist im Grundgedanken eine gute Sache, aber leider grauenhaft umgesetzt.“
„Man dürfte Dimensionen unterschätzt haben“
Der Grundgedanke: Nicht mehr jedes der steiermarkweit Tausenden Kinder mit Unterstützungsbedarf soll mit einem eigenen Assistenten in der Klasse sitzen. Diese sollen nun teils mehrere Kinder gleichzeitig betreuen, so soll der Unterricht weniger gestört werden. Die Schulen bekommen ein Stundenkontingent zugeteilt, das sie flexibel aufteilen können.
Das neue Gesetz ist im Grundgedanken eine gute Sache, aber leider grauenhaft umgesetzt.
Lehrer Alexander Schappek
Daran stößt sich niemand. Die Bearbeitung aller neuen Anträge erfolgt aber zentral in der Landesabteilung 6. „Und dort dürfte man die Dimension unterschätzt haben“, mutmaßt jemand, der tiefe Einblicke ins System hat, aber anonym bleiben möchte. Man brauche dort mehr Personal. Zweiter Kritikpunkt: Die Mitarbeiter der A6 seien weit vom Schulalltag entfernt und beurteilen aufgrund von Befunden, nicht aber anhand konkreter Erfahrungen vor Ort.
Lehrer mit vielen unbezahlten Überstunden
Zurück zum Fall der beiden autistischen Kinder: 30 Stunden Schulassistenz wurden bisher für sie bewilligt. „In der Volksschule hatten sie jeweils 40 Stunden“, so Schappek. Der Bub und das Mädchen können aber nicht in derselben Klasse unterrichtet werden, sie haben völlig unterschiedliche Charaktere. Schappek: „Eigentlich muss immer jemand bei ihnen sein.“ Derzeit versucht das Lehrer-Team mit hohem Engagement und unbezahlten Überstunden die Lücken zu füllen – das kann keine Dauerlösung sein.
Laut Schappek würden dringend mehr Schulassistenz-Stunden benötigt. Im Bildungsressort des Landes verteidigt man sich: „Es wurde angegeben, dass die zwei Schüler in dieselbe Klasse gehen. Aus den übermittelten Befunden bzw. Gutachten konnte das Erfordernis einer Einzelbetreuung nicht abgeleitet werden.“ Die Ansuchen auf Stundenerhöhungen werden sehr genau geprüft, man sei „bemüht, die Anliegen so rasch wie möglich abzuarbeiten“.
Im ersten Jahrgang ist übrigens noch ein weiteres Kind mit Betreuungsbedarf, für das es noch keine Entscheidung gibt: Hier haben allerdings die Eltern die Unterlagen unzureichend eingereicht.
„Es werden laufend Anträge eingebracht“
Generell werden laut Bildungsressort noch immer „laufend Anträge eingebracht, zum Beispiel aufgrund von Schulwechsel oder Anforderungen von Stundenerhöhungen“. Deshalb könne die Abteilung auch nicht einschätzen, bis wann alle bearbeitet sein werden. „Die regulär eingebrachten Anträge sind alle bearbeitet.“
Die Neos erneuern dennoch ihre politische Kritik: „Noch immer werden zahllose Kinder, Eltern und Pädagogen im Regen stehen gelassen. Das heillose Chaos, das aktuell bei der so wichtigen Schulassistenz herrscht, ist nicht nur unzumutbar, sondern schlicht verantwortungslos! Landesrat Werner Amon muss seine Untätigkeit endlich beenden.”
Schappek (der übrigens auch auf unwählbarem Platz auf der Neos-Landesliste kandidiert) spricht von „Kindeswohlgefährdung“ und sagt den nachdenklich machenden Satz: „Kinder haben keine Lobby, Kinder mit Behinderung noch viel weniger.“
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