Argentinien uneins

Der Papst und die Diktatur: Gegner oder Mitläufer?

Ausland
15.03.2013 11:37
Zehntausende Argentinier haben in den vergangenen Tagen die Ernennung ihres Landsmannes Jorge Mario Bergoglio zum neuen Papst gefeiert. In die Jubelstimmung mischten sich jedoch bald kritische Töne: Das Verhältnis des nunmehrigen Papstes Franziskus zur argentinischen Militärjunta entzweit das Land. Die erneut aufgetauchten Vorwürfe, ein Mitläufer im brutalen System gewesen zu sein und sogar zwei Mitbrüder bei den Jesuiten der staatlichen Folter ausgeliefert zu haben, wiegen schwer. Die Schwester eines Folteropfers bezeichnete Bergoglio als "Experten fürs Zudecken".

Nur wenige Stunden nach der Wahl von Franziskus prangte nahe der Kathedrale der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires ein Graffiti an einer Mauer: "Der Papst ist ein Freund von Videla", stand dort zu lesen. Gemeint ist General Jorge Rafael Videla, der Argentinien von 1976 bis 1981 an der Spitze einer gefürchteten Militärjunta diktatorisch regierte. Unter seiner Herrschaft "verschwanden" etwa 30.000 Menschen, die mutmaßlich entführt, gefoltert und getötet wurden.

Franziskus schloss oppositionelle Jesuiten aus - gefoltert
Vorgeworfen wird Franziskus unter anderem seine Rolle beim Verschwinden zweier Jesuitenpater in der Zeit der Militärdiktatur. Orlando Yorio und Francisco Jalics wurden am 23. März 1976 verhaftet, nachdem sie sich für die Opposition starkgemacht hatten. Sie landeten in der Technikschule der argentinischen Marine, die als brutales Folterzentrum berüchtigt war. Erst nach fünf Monaten wurden sie wieder freigelassen.

Bergoglio war damals Provinzial der Jesuiten in Argentinien und damit der oberste Ordensmann des Landes. In dieser Funktion schloss er die beiden politisch aktiven Jesuiten aus dem Orden aus - um die politische Neutralität des Ordens zu betonen.

Buchautor: Fünf Zeugen gegen Franziskus
Einer der wichtigsten Ankläger des neuen Papstes ist der Journalist und Schriftsteller Horacio Verbitsky. Der Autor eines Buches über die Rolle der Kirche in der Militärdiktatur behauptet, fünf Zeugen könnten die Rolle Bergoglios bei der Unterdrückung Oppositioneller durch die Militärregierung bestätigen. Dabei gehe es auch um das Verschwinden von Priestern.

Die argentinische Justiz befragte Bergoglio 2010 im Rahmen eines Verfahrens um Verbrechen in der Zeit der Militärdiktatur. Er wies alle Vorwürfe zurück - wie er es davor und danach auch stets getan hatte. Im Fall der verhafteten Jesuiten habe er sich direkt bei Videla für deren Freilassung eingesetzt, schrieb der damalige Erzbischof von Buenos Aires in seinem Buch "El Jesuita".

Inhaftierter Pater mit Franziskus versöhnt
Jalics, einer der beiden inhaftierten Pater, habe sich nach seiner Freilassung mit Bergoglio getroffen, teilte der Orden am Freitag mit. Die beiden hätten über die Situation während der Militärdiktatur gesprochen. Der mittlerweile in Deutschland lebende Jalics habe sich mit Bergoglio versöhnt, es bestünden "keine Gegensätze mehr", so der Sprecher der deutschen Jesuiten-Ordensprovinz.

Jalics' ehemaliger Kollege Yorio habe dagegen keinen Frieden mit Bergoglio geschlossen, berichtet der "Spiegel". Der Ordensmann, der 2000 in Uruguay starb, habe sich nie vollständig von den Erfahrungen im Foltergefängnis erholt.

Schwester von Folteropfer: "Experte fürs Zudecken"
Yorios Schwester Graciela habe bestürzt auf die Ernennung Bergoglios zum Papst reagiert, so das Nachrichtenmagazin. "Ich kann es nicht glauben. Ich bin so bekümmert und so voller Wut, dass ich nicht weiß, was ich machen soll", habe die Frau an Papst-Kritiker Verbitsky geschrieben.

Ihr Bruder habe einst am Esstisch über Bergoglio gemeint: "Er will Papst werden. Er ist die richtige Person, um die Verfaultheit zuzudecken. Er ist der Experte fürs Zudecken." Der knappe Kommentar der Schwester: "Jetzt hat er erreicht, was er wollte."

Den Behauptungen Bergoglios, er habe sich beim Regime für die Freilassung der Männer eingesetzt, setzte die Frau entgegen: "Wenn es so war, warum hat er den Familienangehörigen nicht davon erzählt? Er hat uns belogen, und er hat auch das Gericht belogen", so die 67-Jährige.

Friedensnobelpreisträger und Befreiungstheologe solidarisch
Solidarität mit Franziskus bekundete der argentinische Bürgerrechtler und Friedensnobelpreisträger Adolfo Perez Esquivel - selbst ein Folteropfer. "Es gab Bischöfe, die Komplizen der Diktatur waren, aber Bergoglio gehört nicht dazu", sagte Esquivel gegenüber der BBC.

Auch der brasilianische Befreiungstheologe Leonardo Boff sieht keine Grundlage für eine Nähe des neuen Papstes zur früheren Militärherrschaft. "Im Gegenteil: Er hat viele gerettet und versteckt, die von der Militärdiktatur verfolgt wurden", sagte Boff am Donnerstag.

Am Freitag sprang auch der Erzbischof von Sydney für Franziskus in die Bresche: Kardinal George Pell bezeichnete die Vorwürfe als "Schmierenkampagne und Lüge". "Diese Geschichten wurden vor Jahren verworfen", sagte Pell im australischen Radio. Er sei nicht der Meinung, dass sich der Papst öffentlich in die Debatte einschalten solle.

Aufarbeitung geht schleppend voran
Nach dem Ende der Militärherrschaft entschuldigte sich die argentinische Bischofskonferenz öffentlich dafür, dass sich die Kirche nicht stärker für die Menschenrechte eingesetzt hatte. Die Aufarbeitung verlief trotzdem schleppend. 2007 wurde erstmals ein Priester für seine Verstrickungen in Menschenrechtsverbrechen zu lebenslanger Haft verurteilt: Der Polizeipfarrer Christian von Wernich wurde der Beteiligung an sieben Morden, 31 Fällen der Folter und 42 Entführungen für schuldig befunden.

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