Reformen erwünscht
Franziskus: Hoffen auf Dialog, Drängen auf Aufklärung
Der Argentinier war am Mittwochabend in einem der kürzesten Konklaven der Geschichte zum neuen Kirchenoberhaupt gewählt worden - nach gut 26 Stunden im fünften Wahlgang (siehe Infobox). Als erster Pontifex hat sich der 76-Jährige den Papstnamen Franziskus gegeben, benannt nach dem heiligen Franz von Assisi. Bergoglio, oft als Anwalt der Armen bezeichnet, ist Jesuit. Nie zuvor war ein Mitglied seines Ordens zum Papst gewählt worden.
Obama und Ban hoffnungsfroh
US-Präsident Obama erklärte, er freue sich darauf, mit dem neuen Papst zusammenzuarbeiten, um Frieden, Sicherheit und die "Würde aller Mitmenschen, unabhängig von ihrem Glauben" zu stärken. Als Fürsprecher der Ärmsten und der Schwächsten trage Franziskus die Botschaft von Liebe und Mitgefühl weiter. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon setzt auf die Fortführung der Zusammenarbeit zwischen den Vereinten Nationen und dem Vatikan "unter der weisen Führung" des neuen Papstes.
Auch seitens der österreichischen Politik gab es wohlwollende Einstandsgrüße an das neue Kirchenoberhaupt (siehe Infobox). Bundespräsident Heinz Fischer sprach von "Weltoffenheit" und zeigte sich erfreut, "dass mit Jorge Mario Bergoglio erstmals ein Mann von außerhalb Europas zum Papst gewählt worden ist". Kanzler Werner Faymann bekundete seine Hoffnung, "dass Franziskus den Dialog in den Mittelpunkt seines Pontifikats stellen" werde. Vizekanzler Michael Spindelegger bezeichnete die rasche Einigung im Kardinalskollegium als "Beweis für die Einheit der katholischen Kirche".
Schönborn: Franziskus ist "sehr guter Hirte"
"Alles spricht dafür, dass die Kardinäle einen sehr guten Hirten gewählt haben", teilte Kardinal Christoph Schönborn am Donnerstag in einer Aussendung mit. Schon als Erzbischof von Buenos Aires habe der neue Papst "ein sehr glaubwürdiges christliches Zeugnis gegeben". Franziskus sei "nahe bei den Menschen und besonders bei den Armen, sehr engagiert im sozialen und gesellschaftlichen Bereich und zugleich auch den Priestern sehr nahe".
Der Jüdische Weltkongress in New York drückte seine Hoffnung aus, die "engen Beziehungen weiterzuführen". "Papst Franziskus ist für uns kein Fremder", erklärte Ronald S. Lauder, der Präsident der Organisation. "Er hatte immer ein offenes Ohr für unsere Sorgen."
Dialog mit Islam als zentrale Aufgabe
Auch der Dialog mit der islamischen Welt zählt zu den vordringlichsten Aufgaben von Franziskus. Vorgänger Benedikt XVI. hinterlässt - nicht zuletzt durch seine umstrittene "Regensburger Rede" - ein schwieriges Erbe. Der zurückgetretene Pontifex hatte im Jahr 2006 an der Uni Regensburg den byzantinischen Kaiser Manuel II. mit den Worten "Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat, und da wirst du nur Schlechtes und Inhumanes finden" zitiert.
Dafür musste er teils heftige Kritik einstecken. Religionsexperten bewerten die Rede im Nachhinein jedoch auch als Anstoß für ein neuerliches Annähern von Christentum und Islam. Der dadurch in Gang gekommene Dialog sei "bis heute fruchtbar", so der deutsche Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide.
Aufräumarbeit in Missbrauchsfällen gefragt
Neben dem Dialog mit anderen Religionen und Konfessionen kommt auf Franziskus auch viel Aufräumarbeit innerhalb der katholischen Kirche zu. Vor allem die unzähligen Missbrauchsfälle dürften den neuen Papst intensiv beschäftigen. Opferorganisationen forderten Franziskus bereits unmittelbar nach seiner Wahl zu Reformen auf.
"Der Heilige Franziskus war der größte Kirchenreformer der Geschichte. Papst Franziskus muss dasselbe tun", forderte die US-Organisation "Netzwerk der Überlebenden von Missbrauch durch Priester" (SNAP) am Mittwoch in einer Erklärung.
Millionen Kinder seien bis heute gefährdet, von katholischen Priestern missbraucht zu werden, weil die Kirche ihre Politik der Vertuschung noch nicht beendet habe, so SNAP weiter. Das Netzwerk hatte vor dem Konklave gefordert, mehr als ein Dutzend Kardinäle wegen Vertuschung oder taktloser Äußerungen über Missbrauchsfälle von der Papstwahl auszuschließen.
Opferorganisation: Missbrauch auch bei Jesuiten
Die Organisation verwies auch auf zahlreiche Missbrauchsfälle im Jesuitenorden, dem der neue Papst angehört. Franziskus habe "sowohl eine große Gelegenheit als auch die Pflicht", dabei zu helfen, sexuellen Missbrauch an Kindern durch katholische Geistliche zu verhindern.
In der lateinamerikanischen Heimat des Papstes sei bisher wenig über die Vorwürfe bekannt, kritisierte SNAP. "Wir sorgen uns um die Sicherheit der Kinder in der dortigen Kirche", heißt es in der Erklärung. Die Organisation äußerte die Hoffnung, dass Franziskus die Namen schuldiger Priester in seiner Erzdiözese Buenos Aires offenlege.
Die Kirche Argentiniens spielte in der Vergangenheit eine starke gesellschaftliche Rolle. In den letzten Jahrzehnten hat sich ihr Einfluss und Ansehen jedoch verringert. Gründe sind die offene Unterstützung der früheren Militärdiktatur seitens der damaligen Kirchenspitze und eine Abwendung von der Religion, die vor allem bei der Stadtbevölkerung zu beobachten ist.
Franziskus: Homo-Ehe ist "bitterer Rückfall" und "Anmaßung"
So ist etwa Homosexualität in Argentinien mittlerweile weitgehend akzeptiert - klar entgegen dem Standpunkt Bergoglios, der in dieser Frage eine äußerst konservative Linie vertritt. Die Einführung der Homo-Ehe in seinem Heimatland 2010 bezeichnete er als "bitteren anthropologischen Rückfall" und "destruktive Anmaßung gegen den Plan Gottes".
Bergoglio sprach sich in der Vergangenheit auch deutlich gegen ein Abtreibungsrecht aus. Ob er als Papst Reformen in gesellschaftlichen Fragen vorantreiben kann oder will, muss sich also erst zeigen. Bis dato gilt Franziskus, ebenso wie sein Vorgänger Benedikt, als standhafter Verteidiger der hergebrachten kirchlichen Morallehre.
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