In Heimat des Papstes
Lokalaugenschein: “Herr, segne diesen mir so teuren Ort”
In seinem Elternhaus, das mittlerweile zum Museum umfunktioniert wurde, werden Säule für Säule anhand von Fotos vier bedeutende Lebensstationen Joseph Ratzingers dargestellt.
Zuerst sieht man den Nachfolger Petri als Zweijährigen, dahinter folgt ein Firmling im Alter von zehn Jahren, wieder eins weiter ist ein Porträt von seiner Priesterweihe aus dem Jahr 1951 ausgestellt, und schließlich wird der Würdenträger in seinem ersten hohen Kirchenamt als Erzbischof gezeigt. Genau hinter dieser letzten Etappe lugt ein heller Lichtschein herein. Statt einer weißen Wand wurde hier ganz bewusst ein Fenster platziert – "damit die Besucher nach der Betrachtung vom Werdegang Santo Padres hinaus auf den Marktplatz und hinauf in den Himmel schauen können", erklärt Ausstellungsleiter Ludwig Raischl. "Als Symbol, dass es immer weitergeht, auch dann, wenn es scheinbar zu Ende ist."
Marktl am Inn wurde zur Pilgerstätte
Bildlich gesehen steht die 2.700-Seelen-Gemeinde im Landkreis Altötting (ein bekannter Wallfahrtsort) ohnehin mehr für den Anfang als für das Ende. Hier wurde am 16. April 1927 – einem Karsamstag – Benedikt XVI. als drittes Kind der Polizeihauptmanns-Familie Ratzinger geboren und nur wenige Stunden später in der Dorfkirche auf den Namen Joseph Aloisius getauft. Das Taufbecken, das heute eine der Hauptattraktionen des Ortes ist und einen prominenten Platz im Gotteshaus einnimmt, lagerte vor Ratzingers Ernennung zum Papst in einer dunklen Ecke auf dem Pfarrhof.
Priester Josef Kaiser erzählt: "Böse Zungen behaupten, die Pfarrersköchin hat darin ihren Salat gewaschen." Doch als sich abzeichnete, welche Bedeutung der berühmteste Sohn der Gegend erlangen würde, ließ man den wertvollen Marmorstein restaurieren und machte ihn der Öffentlichkeit zugänglich. Seit dem Konklave im April 2005 wurde er mittlerweile von mehr als 1,2 Millionen Besuchern besichtigt – alle mit nur einem Ziel: auf den Spuren Benedikts zu wandeln.
Und der Papst-Tourismus ist seit dem 11. Februar, an dem der Amtsverzicht publik wurde, nicht weniger geworden. Im Gegenteil. Vizebürgermeister Roland Stadler: "Einige Gläubige nutzen diesen Ort als regelrechte Pilgerstätte." Einen wirtschaftlichen Aufschwung erfuhr Marktl am Inn durch die unzähligen Gäste aus der ganzen Welt allerdings nicht wirklich. "Sie werden mit dem Reisebus hergebracht, besichtigen die Kirche und das Geburtshaus – und fahren wieder weiter. Vielleicht essen ein paar Leute mehr beim Dorfwirt zu Mittag oder kaufen im Souvenir-Shop ein, zwei Andenken. Aber reich werden wir davon sicher nicht", so Stadler beim "Krone"-Lokalaugenschein. Doch ums Geld geht es weder ihm noch sonst jemandem in Marktl.
"Unser Papst klebt nicht an der Macht"
Es ist die enge Verbindung nach Rom, zum Vatikan, die jedem Einwohner hochheilig ist. Niemand hier kritisiert die Entscheidungen Benedikts. "Unser Papst klebt nicht an Eitelkeit und Macht – er nimmt sich zurück. Es ist ein Zeichen seiner überragenden Intelligenz, wenn er einsieht, dass er ein Mensch ist, der beschränkte Kräfte hat", gibt der Ortschef den Tenor der Bevölkerung wieder.
Stolz lehnt er sich in den Flugzeugsitz in seinem Büro zurück, auf dem einst Joseph Ratzinger saß, als er über seine Heimat geflogen war und den Lufthansa danach der Geburtsstätte überließ. Dann schlägt der Gemeindepolitiker das Goldene Buch der Gemeinde auf und liest jenen Satz vor, den der Pontifex bei seinem letzten Besuch höchstpersönlich hineingeschrieben hatte: "Herr, segne diesen mir so teuren Ort."
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