14.02.2013 15:48 |

Neue Enthüllungen

Israel rätselt über das Schicksal des "Gefangenen X"

Ganz Israel rätselt über das Schicksal des "Gefangenen X": Die mysteriöse Affäre um den Tod von Ben Zygier, einem angeblichen Mossad-Agenten mit australischem Pass, erhielt am Donnerstag eine neue Wendung. Der Anwalt Avigdor Feldman erklärte, Zygier noch am Tag vor dessen Tod - der Mann soll sich 2010 in Israels sicherster Gefängniszelle erhängt haben - getroffen zu haben. "Als ich ihn gesehen habe, gab es keinerlei Anzeichen dafür, dass er Selbstmord begehen könnte", so Feldman. Der Mann, so die Vermutung, könnte durch Verhöre in den Tod getrieben worden sein.

Israel hatte am Mittwoch erstmals offiziell die Existenz des mysteriösen "Gefangenen X" sowie dessen Tod vor gut zwei Jahren bestätigt. Weiterhin unklar ist, was genau dem mit einer Israelin verheiratet gewesenen Mann vorgeworfen wurde.

Die jüngsten Enthüllungen kommen inmitten einer wachsenden Empörung über den Fall in Israel, wobei die Behandlung von Zygier, der aus einer jüdischen Familie in Melbourne stammte und für den israelischen Auslandsgeheimdienst Mossad gearbeitet haben soll, von Kritikern bereits mit den Methoden in der Sowjetunion oder in den ehemaligen Militärdiktaturen Argentiniens und Chiles verglichen wird.

Durch hartes Verhör in den Tod getrieben?
Laut den israelischen Behörden wurde Zygier entgegen ersten Berichten jedoch von drei Rechtsanwälten vertreten, es habe einen Haftbefehl gegen ihn gegeben und seine Familie sei sofort nach seiner Festnahme informiert worden. Feldmans Angaben zufolge habe es Verhandlungen über eine Einigung mit der Staatsanwaltschaft gegeben.

Der renommierte Jurist hatte seinen Mandanten noch am Tag vor dessen Tod im Gefängnis getroffen. Zygier hatte demnach die "ernsten Vorwürfe" gegen ihn bestritten und sei dem Anwalt beim letzten Treffen "rational erschienen". Er sei jedoch bei den anhaltenden Verhören starkem emotionalem Druck ausgesetzt gewesen, so Feldman. Dies könnte, so die Vermutung des Juristen, letztlich zu Zygiers Selbstmord beigetragen haben.

"Die Männer, die ihn verhörten, sagten ihm, er könne mit einer langen Gefängnisstrafe rechnen - und er werde von seiner Familie und der jüdischen Gemeinschaft geächtet werden. Es gab keine 'emotionale Saite', an der sie nicht zogen, und ich nehme an, dass dies letztlich sein tragisches Ende besiegelt hat", sagte Feldman.

Agenten-Spur soll in den Iran führen
Zygier, der 34 Jahre alt war, als er am 15. Dezember 2010 in Israels sicherster Gefängniszelle im Ayalon-Gefängnis bei Tel Aviv in strikter Isolationshaft starb, war unter mindestens drei verschiedenen Namen bekannt und soll mehrere Länder bereist haben, die Israel feindlich gesinnt sind. So soll eine Spur in der Affäre von Israel in den Iran führen. Gemeinsam mit zwei weiteren Australiern, die ebenfalls israelische Staatsbürger waren, soll Zygier laut dem britischem "Guardian" in Europa im Auftrag des Mossad eine Scheinfirma gegründet haben. Diese habe elektronische Bauteile in den Iran verkauft. Dabei könnte ihm ein Fehler unterlaufen sein.

Auch Zeitpunkt der Festnahme auffällig
Auffällig ist auch der Zeitpunkt der Festnahme Zygiers - kurz nach dem Mord an dem ranghohen Hamas-Funktionär Mahmoud al-Mabhouh in Dubai im Jänner 2010. An der Tat, die dem Mossad zugeschrieben wurde, waren auch einige Verdächtige mit gefälschten australischen Pässen beteiligt. Ein australischer Journalist rief danach bei Zygier an und konfrontierte ihn mit der Frage, ob er für den Mossad arbeite - was dieser vehement zurückwies. Auch der australische Geheimdienst ermittelte nach Medienberichten gegen ihn, wegen des Verdachts, er missbrauche seinen unverdächtigen australischen Pass für Reisen in arabische Länder und den Iran.

Arbeit als Rechtsanwalt nur Tarnung?
Die israelische Zeitung "Yedioth Ahronoth" schrieb am Donnerstag, der 2001 nach Israel eingewanderte Zygier habe als Praktikant in dem angesehenen Rechtsanwaltsbüro Herzog-Fuchs-Neeman gearbeitet. Einer der Gründer ist der scheidende Justizminister Yaakov Neeman, der nach Bekanntwerden der Affäre von Parlamentariern in der Knesset mit Fragen bedrängt wurde. Neben seiner Arbeit als Rechtsanwalt arbeitete Zygier den Berichten zufolge heimlich für den Mossad.

Ein Bekannter von Zygier sagte der Jewish Telegraphic Agency jedoch, er könne sich nicht vorstellen, dass "so jemand gut für den Mossad sein könnte". "Ich hatte nie den Eindruck, dass er sehr stabil war", Zygier habe außerdem "zu viel geredet".

Zygiers Familie schweigt eisern
Sollte der Staat Israel sich im Fall Zygier unrechtmäßig verhalten haben, stellt sich jedenfalls die Frage, warum seine Angehörigen auch angesichts der wilden Spekulationen eisern schweigen. Sein Vater Geoffrey Zygier ist eine angesehene Persönlichkeit in der jüdischen Gemeinde von Melbourne und führendes Mitglied der pro-israelischen Wohltätigkeitsorganisation Bnai Brith. "Es ist zu schmerzhaft für uns, darüber zu sprechen", sagte er nach Angaben von "Yedioth Ahronoth".

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