Zapfhahn geht zu

Russland: Kampf dem kollektiven Komasaufen

Ausland
02.01.2013 12:35
Seit Dienstag darf an russischen Verkaufsständen tagsüber kein Bier mehr angeboten werden. Damit will das größte Land der Welt den grassierenden Alkoholismus bekämpfen. Das Gesetz ist mit 1. Jänner in Kraft getreten und gilt zwischen 11 und 20 Uhr. Die Menge, die zu anderen Tageszeiten verkauft werden darf, ist nunmehr beschränkt, Alkoholwerbung in Medien verboten. Die Regierung zieht auch bei Hochprozentigem die Reißleine: Die Mindestpreise für Wodka steigen um ein Drittel, die Verkaufspreise für andere Spirituosen sollen angehoben werden.

Die Regelung tritt zu einer Zeit in Kraft, in der viele Russen dem Alkohol ganz besonders zusprechen. Zwischen dem Silvestertag und dem orthodoxen Weihnachtsfest eine Woche danach steht das öffentliche Leben praktisch still. Heuer winken den meisten Bürgern gleich zehn freie Tage hintereinander, weil die Feiertage im Kalender günstig fallen. Während der Geldadel und der zunehmend wohlhabendere Mittelstand häufig ins Ausland flüchten, feiern Millionen Russen zu Hause ein Trinkgelage nach dem anderen.

Alkohol für jeden fünften Toten verantwortlich
Die Trinkfreude insbesondere der männlichen Bevölkerung wird in Moskau zunehmend zum Politikum. Laut Weltgesundheitsorganisation wird nirgendwo auf der Welt mehr Alkohol getrunken als in Russland. Alkoholmissbrauch ist verantwortlich für jeden fünften Todesfall unter Russlands Männern, bei Frauen liegt der Wert bei sechs Prozent. Auch das Bruttoinlandsprodukt leidet: Experten schätzen den Schaden, den das exzessive Trinken anrichtet, auf eine Billion Rubel - etwa 25 Milliarden Euro.

Dennoch gibt es auch aus der Wirtschaft kritische Töne zu den Beschränkungen. Internationale Brauerei-Konzerne wie Carlsberg, die in ihren westeuropäischen Kernmärkten kriseln, setzen große Erwartungen in die Trinkfreude der Russen. Die Maßnahmen gegen den Alkoholmissbrauch sind ein Rückschlag in einer Export-Hoffnungsregion. Auch die russische Biersteuer macht den Brauereien zu schaffen: Schon im Vorjahr war sie auf 20 Prozent angehoben worden, für heuer und das kommende Jahr hat Präsident Putin weitere Erhöhungen angekündigt.

Springbreak im eisigen Winter
Ob sich die russische Bevölkerung von den neuen Alko-Regeln in die Parade fahren lässt, ist ungewiss. Schließlich ist der Feier-Marathon rund um Neujahr seit dem Fall des Kommunismus für viele Russen zur Institution geworden. Mit teils dramatischen Auswirkungen: Tausende trinken sich zu Tode, die Verbrechenszahlen schnellen rund um das orthodoxe Weihnachtsfest nach oben. Besonders in den ärmlichen Regionen am Land steigen die Fälle von häuslicher Gewalt: "Nach drei bis vier Tagen ist das Geld aus. Dann beginnen die Probleme", erklärt der Moskauer Psychologe Sergej Kljutschnikow gegenüber dem Nachrichtensender n-tv. Zahlreiche Wissenschafter fordern die Abschaffung der Feiertags-Strecke. Die Politik wagt den unpopulären Schritt jedoch nicht.

Als Kompromiss schlagen Soziologen vor, die Tage des exzessiven Trinkens auf eine wärmere Jahreszeit zu verschieben - in vielen Teilen Russlands herrscht im Jänner klirrende Kälte mit Temperaturen weit unter minus 30 Grad. Die Kalenderwochen 18 und 19 fallen für einen Ersatztermin allerdings aus: Da wartet zwischen dem Tag der Arbeit am 1. Mai und jenem des Sieges über Nazi-Deutschland am 9. Mai die nächste Woche des kollektiven Komas.

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