Mo, 18. Juni 2018

Kälte in Jordanien

09.12.2012 20:26

10 Minuten Wärme am Tag für syrische Flüchtlinge

In der jordanischen Wüste sitzt in einem Zelt die neunköpfige Familie von Mohammed Hariri dicht gedrängt um einen rostigen Kerosin-Heizstrahler. Zehn Minuten Wärme bekommen sie an diesem Abend. Mehr gibt es für die Flüchtlinge aus Syrien auch an anderen Tagen nicht. "Sie geben uns nur wenige Liter Kerosin im Monat", sagt Hariri und dreht die Flamme vorsichtig ab. "Wenn wir den Winter überstehen wollen, müssen wir diszipliniert sein."

Der 45-Jährige kommt aus der Provinz Deraa und ist einer der rund 45.000 Menschen, die im Saatari-Lager des Nachbarlandes auf ein Ende des Bürgerkrieges in ihrer Heimat warten. Der Winter steigert das Elend der Flüchtlinge dort - wie auch in der Türkei, im Irak und im Libanon - ins Unermessliche. Viele Syrer haben ihr Land in dem eskalierenden Konflikt überstürzt verlassen, oft einfach nur in T-Shirt und Jeans. Doch inzwischen sind die Temperaturen deutlich gesunken und liegen nachts bei unter null Grad Celsius. Es gibt nicht genügend Decken, die Zelte sind nicht isoliert - und täglich kommen Hunderte Flüchtlinge nach.

Erst kürzlich hatte sich UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon in mehreren Lagern in Jordanien und im türkischen Grenzgebiet umgesehen und war bestürzt. "Wir können nicht die Augen zumachen, wenn Menschen leiden und sterben. Wir müssen ihnen helfen", sagte er. Die Vereinten Nationen hatten ihre Mitgliedstaaten um Hilfszahlungen in der Höhe von 250 Millionen Dollar gebeten. Weniger als die Hälfte davon ist bisher eingegangen.

Mehr als eine halbe Million Flüchtlinge
Allein in Jordanien leben derzeit rund 250.000 Flüchtlinge. In der Türkei sind es mehr als 130.000. Die Gesamtzahl in den Nachbarländern wird auf mehr als 500.000 geschätzt. Hinzu kommen weitere zwei Millionen Menschen, die innerhalb Syriens in Notunterkünften leben.

Im Libanon leben die rund 110.000 registrierten Flüchtlinge nicht in Lagern. Das frühere Bürgerkriegsland hat schlechte Erfahrungen damit, leben doch zahlreiche Palästinenser dort noch immer in solchen Camps - Unruhen gibt es regelmäßig. Die Syrer werden nun in ärmlichen Mietwohnungen oder öffentlichen Gebäuden wie Schulen untergebracht - oft ohne Fenster und Türen. Die Helfer des UNO-Flüchtlingshochkommissariats kommen mit Maßnahmen zur provisorischen Isolierung der Unterkünfte kaum nach. Sie verteilen Decken, warme Kleidung und Heizkörper. Doch das reicht längst nicht aus.

"Wir sterben an der jordanischen Kälte"
Auch in Jordanien ist der Ernstfall eingetreten. Vor kurzem starben im Saatari-Lager drei Kleinkinder - Grund war nach Angaben der Bewohner keine Krankheit und auch keine Verletzung, sondern die Kälte. "Nachdem wir Gewehre, Panzer und Raketen in Syrien überlebt haben, hätten wir nie gedacht, dass wir an der jordanischen Kälte sterben würden", sagt der Flüchtling Abu Hassan resigniert und zieht seinem fünfjährigen Sohn einen Wollpulli über. Als in der vergangenen Woche das dritte Kind starb, gab es gewalttätige Spontanproteste, doch die Lebensbedingungen machte das nicht besser.

Um Samer wiederum versucht, sich mit positiven Gedanken über den Winter zu retten. "Zur Zeit unserer Großeltern und Urgroßeltern gab es weder Strom- noch Gasheizungen", sagt die 58-Jährige, während sie ein Feuer in einem provisorischen Lehmofen in der Mitte ihres Zeltes entfacht. "Wenn die Menschen Jahrhunderte lang so leben konnten, werden wir das wohl einen Winter langSyrien schaffen."

Feuerholz oder brennbares Material ist in dem Lager seit dem Wintereinbruch kaum noch zu finden. Jetzt versuchen Helfer, die Zelte aufzurüsten. Die Bewohner selbst helfen sich mit Zeitungen oder dem Futter von Matratzen. Trotz des allgegenwärtigen Elends lässt sich Um Samer ihren Optimismus nicht nehmen: "Wir sind bereit, auch 100 Winter in der jordanischen Wüste zu verbringen, wenn wir danach auch nur einen Tag im befreiten Syrien erleben dürfen."

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