Beim Lügen erwischt

“Factchecker” entlarven Polit-Schwindel in USA

Ausland
09.09.2012 12:27
Die frechste Prahlerei im US-Wahlkampf leistete sich kürzlich Paul Ryan. Er habe den Marathonlauf in zwei Stunden und 50 Minuten hingelegt, behauptete der Vize von Präsidentschaftskandidat Mitt Romney, ohne rot zu werden. Kritischen "Factcheckern" schien die Leistung des 42-Jährigen allzu schmeichelhaft. Ein paar Mausklicks weiter war klar: In Wirklichkeit brauchte der Republikaner knapp über vier Stunden, enthüllte die "Washington Post". Ryan war blamiert, und die USA lachten über die Schwindelei.

Das "Wettschwindeln" im Wahlkampf gehört offenbar bei Politikern jeden Couleurs zu den Lieblingsdisziplinen. Doch in Zeiten des Internets haben Lügner kurze Beine. "Diese Wahlen könnten in die Geschichte als die Wahlen des Überprüfens von Fakten eingehen", schreibt bereits das Online-Blatt "Huffington Post".

"Factchecker"-Plattformen sprießen geradezu aus dem Boden. Kein Politiker ist vor ihren Nachstellungen sicher. Kaum hatten Präsident Barack Obama und sein Vize Joe Biden ihren großen Auftritt auf dem Demokraten-Parteitag hinter sich gebracht, wurden ihre Reden bereits auseinandergenommen. Auch sie beherrschen es meisterhaft, die Wahrheit so darzustellen, wie sie ihnen in den Kram passt.

Obama sparte drei, nicht vier Billionen
Obama brüstete sich etwa mit seinen Sparplänen. "Unabhängige Analysen" zeigten, dass er das staatliche Defizit um vier Billionen Dollar reduziere, meinte er mit treuem Augenaufschlag. Doch gleich mehrere "Factchecker" wenden ein, hier werde die Wirklichkeit schöngeredet. In Wahrheit seien es eher drei Billionen Einsparungen.

Außerdem erwecke Obama den Eindruck, als sei das Schuldenproblem damit praktisch gelöst, wovon aber keine Rede sein könne. Denn auch in zehn Jahren hätten die USA noch 76 Prozent Schulden gemessen an ihrer Wirtschaftsleistung. Überhaupt bedienten sich Politiker einer extrem eigenwilligen Definition des Wortes Sparen. Es bedeute bei ihnen lediglich weniger Schuldenmachen als zuvor - nicht Geld auf die hohe Kante legen, wie Normalbürger das Wort verstehen.

"Washington Post" verleiht Pinocchio-Nasen
Zwar waren "Factchecker" schon bei den Wahlen 2008 präsent. Die "Washington Post" verlieh bereits damals bis zu vier Pinocchio-Nasen je nach Dreistigkeit der Irreführung. Doch diesmal sind die Wahrheits-Prüfer allgegenwärtig. "Wie sind wir an dem Punkt angekommen, dass wir neutrale Schiedsrichter benötigen, um Politiker vom Lügen abzuhalten?", fragt die "Huffington Post".

Schon reagieren die Parteien sichtlich angestochen. Vor allem die Republikaner fühlen sich im Visier der Aufrechten. "Wir lassen uns unseren Wahlkampf nicht von Factcheckern diktieren", schimpft ein Wahlstratege aus dem Hause Romney.

Marathonmann Ryan als Spitzenreiter
Spitzenreiter der großen und kleinen Unwahrheiten ist derzeit der Marathonmann Ryan. Er versuchte beim Parteitag der Republikaner gleich mit mehreren bösen Behauptungen zu punkten. In einem Fall ging es um eine Fabrik des Autobauers General Motors in seinem Wahlkreis in Wisconsin. 

Vollmundig hätte Obama 2008 behauptet, die Fabrik würde für weitere 100 Jahre bestehen bleiben, so der Romney-Vize. "Es stellte sich heraus, dass diese Fabrik kein weiteres Jahr existierte", sagte Ryan. Was er sagen wollte, war klar: Obama sei für die Schließung verantwortlich. Doch Faktenprüfer fanden heraus, dass die Fabrik geschlossen wurde, als Obama noch gar nicht Präsident war.

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