Die Rahmenhandlung ist denkbar einfach und konventionell: Die Drachen haben sich erhoben und bedrohen die Welt von "Guild Wars 2", Tyria. Um ihnen entgegenzutreten, stehen fünf Völker mit eigenem Startgebiet zur Wahl. Jedem Volk stehen alle acht Klassen - von Bekanntem wie Dieb, Krieger und Magier über Exotischeres wie Ingenieur oder Mesmer - offen.
Neben den Grundsatzentscheidungen und der detaillierten Charaktererstellung beantwortet der Spieler zu Beginn einige Fragen, nach denen seine persönliche Story erstellt wird. Möchte man geheimnisvoll hinter den Kulissen agieren oder vor Charme sprühend die Welt erobern? Mit einem echten Kämpferherz ausgestattet oder lieber sanft und Weisheit verbreitend umherziehen? 15 unterschiedliche Hintergrundgeschichten sind möglich, die jeder Spielfigur ihren ganz eigenen Charakter verleihen, in Gesprächen andere Dialogoptionen eröffnen und sich auf den Verlauf der Haupthandlung auswirken.
Nach dieser Vorarbeit geht's mitten hinein in die Welt von "Guild Wars 2". Dabei fällt zuallererst die gelungene Grafik auf: Die Welt wirkt überaus lebendig, an allen Ecken stehen NPCs, ziehen wilde Tiere umher und warten zahllose Gegner, die allesamt über Eigenheiten verfügen und sich optisch wie in ihren Angriffen voneinander unterscheiden. Der Tag-und-Nachtwechsel und die liebevoll gestaltete Umgebung - von verwunschenen Wäldern über belebte Städte bis hin zu verschneiten Regionen und sogar unter Wasser reicht die Palette - verstärken das Gefühl, in diese fremde Welt hineingezogen zu werden. Ob der sehr bunt geratene Grafikstil allerdings gefällt, muss jeder Spieler für sich entscheiden.
Neben der schicken Grafik fallen gleich zu Beginn die Unterschiede zu vielen anderen MMOs ins Auge: Einerseits das aktive Kampfsystem, das viel Tastenhämmern und Ausweichen nötig macht, andererseits die Abwesenheit von Quest-Hubs. Es gibt zwar spezielle Orte, an denen Quests warten, diese sind auf der - leider sehr schlechten - Karte auch verzeichnet. Allerdings wird der Spieler nicht, wie sonst oft üblich, von einem Ort zum nächsten geschickt, sondern findet überall in der Welt Questgeber und - unabhängig davon - Events.
Man erkundet also zum Beispiel die traumhafte Welt der Baumwesen Sylvari, als plötzlich ein neues Ereignis angezeigt wird, dem man sich anschließen kann, aber nicht muss. Einen Questgeber gibt es bei Events nicht. Ob Untote vernichten, einen NPC in Sicherheit bringen oder Materialien sammeln - der Spieler zieht spontan mit, andere Gamer tun es ihm gleich. So kämpft man selten allein, muss aber nicht ständig auf die Suche nach einer Gruppe gehen, was dem Spielfluss enorm zugutekommt.
Je nachdem, wie fleißig man mitgeholfen hat, erhält man Erfahrung und Karma, eine Währung für neue Ausrüstung. Wer aber gerade keine Lust hat, an einem Event teilzunehmen, kann ihn auch einfach ignorieren. Ebenfalls positiv: Events und Quests sind vielseitig und abwechslungsreich, so kommt keine Langeweile auf.
Erfreulich flexibel und anders als MMO-üblich ist auch das Skill-System in "Guild Wars 2" - sich auf Tank, Heiler oder Schadensausteiler zu beschränken, ist hier nicht nötig. Die eigene Klasse wird mit Skillpunkten aufgewertet, die der Spieler in neue Fähigkeiten steckt - ganz nach Belieben wählt er diejenigen aus, die seinem Spielstil am meisten entsprechen. Die Fähigkeiten lassen sich außerdem in mehreren Stufen aufwerten. Je nach Stärke müssen mehr Skillpunkte eingesetzt werden, ein wenig Planung ist also anzuraten. Wer mit seinen Entscheidungen aber nicht zurechtkommt oder einfach mal etwas ganz anderes ausprobieren möchte, kann die investierten Punkte zurücksetzen lassen.
Skill-Punkte werden übrigens nicht durch Stufenaufstiege verdient, sondern durch in der Spielwelt verteilte Skill-Punkt-Herausforderungen. Mal muss bloß ein Objekt angeklickt werden, ein andermal aber wartet ein herausfordernder Kampf. A propos Scharmützel: Ebenfalls anders als in vielen anderen MMOs, stehen in "Guild Wars 2" nur zehn Fähigkeiten-Slots zur Verfügung. Fünf dienen dem Angriff, einer der Heilung, drei können mit Skills belegt werden, die je nach Spielstil offensiv, defensiv oder kontrollierend wirken. Der letzte Platz geht an einen Elite-Skill, der zwar besonders stark ist, aber eine lange Aufladezeit hat.
Immerhin: Zwar stehen nur wenige Slots zur Verfügung, doch können zum Beispiel Magier zwischen Feuer-, Eis- und Windzauber nach Belieben hin- und herschalten. Je öfter eine Art von Magie verwendet wird, desto stärkere Angriffe werden freigeschaltet. Neben den bevorzugten Skills kann der Spieler seinen Charakter bei jedem Stufenaufstieg mit Eigenschaftspunkten weiter individualisieren. So kann er zum Beispiel mehr Lebenspunkte freischalten, bestimmte Fähigkeiten verstärken oder den Verteidigungswert nach oben treiben.
Das alles ist zwar ein Traum für Genre-Auskenner, Neulinge werden von den zahllosen Möglichkeiten, den eigenen Charakter weiterzuentwickeln, aber überfordert sein. Schließlich wird der Spieler ohne große Einführung in die Welt hineingeworfen, die Erklärungen sind allerhöchstens rudimentär. Das gilt auch für die Aufgaben, die von Questgebern erteilt werden - oft ist unklar, was eigentlich genau zu tun ist und wohin man sich gerade begeben sollte. Ein Übriges tun die plötzlich aufpoppenden Events und die oben erwähnte Karte, die selbst auf höchster Zoomstufe aufgrund der großen Icons kaum ordentlich zu lesen ist.
Zusätzlich zu den anderen Punkten, in denen sich "Guild Wars 2" von anderen MMOs unterscheidet, fehlt auch die typische Jagd nach Items. Diese gibt es zwar, allerdings wird der Spieler damit nicht so überhäuft wie in anderen (Online-)Rollenspielen. Das wird einige Spieler wohl enttäuschen, treibt die Item-Suche doch oftmals die Motivation an. Dafür kann die Spielfigur einen Handwerksberuf erlernen und zum Beispiel selbst Nahrung, Rüstungen, Waffen, Runen oder Amulette herstellen.
Wer seinen Charakter verbessern möchte, kann zudem auf den Item-Shop zugreifen, der In-Game-Waren gegen echtes Geld anbietet. Gegenstände, die Käufern einen entscheidenden Vorteil im Spiel verschaffen, soll es allerdings nicht geben, um die Balance zu wahren. Dies soll unter anderem dem Arena- und Welten-PvP zugutekommen, wo auf die Spieler Ehre und PvP-Rüstungen warten, die zwar wiederum nicht besser als jene des PvE-Spiels sein sollen, aber schicker aussehen.
Fazit: "Guild Wars 2" bietet eine riesige, lebendige und abwechslungsreiche Welt, die zum Erkunden abseits bekannter Pfade einlädt - verpackt in sehr schicke Grafik. In kaum einem anderen MMO sind Klassen- und Skillsystem so offen und die Möglichkeiten so vielfältig, seinen eigenen Spielstil zu finden und allein oder mit anderen zu kämpfen. Dazu kommt eine individuelle Hintergrundgeschichte, die dazu einlädt, mehrere Charaktere, Startgebiete und Herangehensweisen auszuprobieren. Die große Freiheit hat allerdings ihren Preis: MMO-Neulinge dürften heillos überfordert sein angesichts der Möglichkeiten und der nur rudimentären Erklärungen. Auch die schlechte Karte und die wenig motivierende Item-Suche sind kleinere Schwachpunkte des ansonsten gelungenen, ungewöhnlichen MMOs. Wie es um die Langzeitmotivation auf hohen Levelstufen bestellt ist, kann allerdings - wie beim MMO üblich - nur die Zeit zeigen.
Plattform: PC
Publisher: NCsoft
krone.at-Wertung: 9/10
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