Seifenopern etc.

Syrien: Im Staats-TV ist die Welt völlig in Ordnung

Ausland
27.07.2012 10:40
Wer in Syrien das Staatsfernsehen einschaltet, muss sich die Frage stellen, ob der blutige Konflikt im Land wirklich Realität ist. Mehr als 16 Monate nach Beginn der Revolte gegen Machthaber Bashar al-Assad veranlassten erst der tödliche Anschlag auf den engsten Führungszirkel vom 18. Juli und die Ausweitung der Kämpfe auf Damaskus den Sender, über die Ereignisse zu berichten - wenn auch nur äußerst marginal. Denn während Syrien brennt, wird der Zuschauer mit Seifenopern, Aerobic-Programmen oder Diät-Shows abgespeist.

Nach dem Attentat, bei dem vier führende Vertreter des Assad-Regimes starben, wurde der Ton im Staatsfernsehen dann etwas ernster. Erstmals waren die Leichen von Rebellen zu sehen, daneben Bilder von Soldaten, die stolz erklärten, die Stadtviertel der Hauptstadt "auf Geheiß der Einwohner von Terroristen gesäubert" zu haben. Der Öffentlichkeit sollte einmal mehr versichert werden, dass sich Syrien einer "Verschwörung" ausgesetzt sehe und dass "Terroristen" Chaos verbreiten wollten.

In den Tagen danach wurde der Hurra-Patriotismus immer heftiger: Zu sehen sind kampferprobte Soldaten, die ein Spezialtraining absolvieren, unterlegt sind die Bilder von den "mutigen Streitkräften" mit patriotischer Musik. Die arabischen TV-Sender Al-Jazeera und Al-Arabiya werden von der syrischen Führung wegen ihrer kontinuierlichen Berichterstattung über den Konflikt geschmäht, der Slogan des syrischen Staatsfernsehens lautet dagegen: "Unsere Stimme ist lauter, unser Bild ist klarer."

"Vorteile von Vollkornbrot", "Straußenfarmen in Syrien"
Und während die Kämpfe landesweit immer erbitterter werden und das Blut fließt, wacht der Konsument des Staatsfernsehens zu Bildern eines jungen Mannes auf, der erklärt, "wie man einen Bizeps und einen Trizeps trainiert". Anschließend erfährt der Zuschauer alles über die "Vorteile von Vollkornbrot", "Straußenfarmen in Syrien", die "Wiederbelebung orientalischer Musik", "Antiquitätenausstellungen in Aleppo" oder "Kochen im Ramadan". Im Fastenmonat zeigt der Sender zudem am liebsten Seifenopern (die Bilder oben zeigen Ausschnitte aus Sendungen des syrischen Staatsfernsehens und des regimefreundlichen privaten Senders Al-Dunia vom 26. Juli).

Kurz vor Beginn der Gefechte in der syrischen Hauptstadt informierte das Staatsfernsehen dann den Zuschauer in einem Bericht auf Englisch über den "so bezaubernden Sommer in Damaskus, dank der Jacaranda-Bäume". Auch als die Kämpfe im Stadtteil Midan wüteten, versicherte das TV, dass "alles in Ordnung" sei. Ein immerhin vor Ort entsandter Reporter interviewte sichtlich eingeschüchterte Autofahrer und bewertete die Situation danach als "ruhig" - als im Hintergrund Explosionen und Schüsse zu hören waren.

"Sagen nicht die Wahrheit", "Wollen uns für dumm verkaufen"
Inzwischen scheint das Staatsfernsehen - von den Regierungsgegnern oft verhöhnt - auch von Assad-Unterstützern teilweise nicht mehr ernst genommen zu werden. "Wir unterstützen auf jeden Fall die Regierung und die Armee, aber die staatlichen Sender sagen definitiv nicht die Wahrheit", sagt der Lebensmittelhändler Bassam aus Damaskus. Ahmed, ein nach Beirut geflohener junger Syrer, sagt: "Sie wollen uns für dumm verkaufen."

In den sozialen Netzwerken im Internet kursieren bereits Witze über an Absperrungen patrouillierende Soldaten, die Zivilisten vorwerfen, sich in Gefahrenzonen begeben und die Situation verkannt zu haben, weil sie ausschließlich das Staatsfernsehen verfolgt hätten…

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