Arzt im Visier

Mega-Skandal um Spenderorgane in Deutschland

Ausland
20.07.2012 12:48
Ein Göttinger Universitätsarzt soll in Deutschland im großen Stil Krankendaten gefälscht haben, damit seine Patienten beim Empfang einer Spenderleber bevorzugt werden. Der Fall sei "einfach unglaublich", sagte der Vorsitzende der Ständigen Kommission Organtransplantation, Hans Lilie, am Freitag. Er habe sich nie vorstellen können, dass ein deutscher Arzt so handle. Demnach könnten sich die Vorwürfe zum größten Betrugsfall in der Geschichte der deutschen Transplantationsmedizin ausweiten.

Es besteht der Verdacht, dass der Ex-Oberarzt der Göttinger Universitätsklinik in mindestens 25 Fällen falsche Angaben gemacht hat. Die deutsche Bundesärztekammer habe nun eine Task Force eingerichtet, um die Affäre aufzuklären, sagte Lilie. Einem Krankenhaussprecher zufolge bestritt der Betroffene gegenüber der Klinikleitung alle Vorwürfe.

Der 45 Jahre alte Mediziner war bereits vor Wochen ins Zwielicht geraten. Die Staatsanwaltschaft Braunschweig ermittelt gegen ihn unter anderem wegen des Verdachts der Bestechlichkeit. Er soll Geld von einem russischen Patienten dafür angenommen haben, dass diesem bevorzugt eine Spenderleber implantiert wurde. Zudem soll er eine für das Klinikum Regensburg vorgesehene Spenderleber mit nach Jordanien genommen haben, um sie dort einzusetzen.

Strengen Kriterienkatalog umgangen
Spenderorgane werden nach einem streng festgelegten Kriterienkatalog von der Vermittlungsstelle Eurotransplant im niederländischen Leiden an die Patienten in ihren acht Mitgliedsländern - darunter auch Österreich - vergeben. Dabei geht es nach Dringlichkeit. In diesem Zusammenhang soll der Göttinger Arzt den Gesundheitszustand seiner Patienten bewusst schlechter dargestellt haben, damit sie von Eurotransplant schneller eine Spenderleber zugeteilt bekamen. So habe er etwa vorgegaukelt, dass ein Mann, der auf eine Spenderleber wartete, auch Nierenprobleme habe und Dialyse-Patient sei, erläuterte Lilie.

Laut den Behörden waren möglicherweise noch weitere Krankenhaus-Mitarbeiter in den Fall verwickelt. Nach gegenwärtigem Kenntnisstand sei dies nicht auszuschließen, meinte Lilie. Die Universitätsklinik Göttingen hat in der Affäre auch eine eigene externe Gutachterkommission beauftragt. Die Klinik hatte sich von dem Mediziner getrennt, nachdem der erste Manipulationsfall bekannt geworden war.

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