Erloschene Strahlkraft. Als Mann mit außerordentlicher Strahlkraft hat Sebastian Kurz, es ist noch keine sieben Jahre her, die Spitze der damals (wie übrigens auch heute) ermatteten ÖVP erklommen. Er weckte höchste Erwartungen, färbte Schwarz in leuchtendes Türkis um und gewann die Nationalratswahlen 2017, bei denen er unter „Liste Sebastian Kurz - die neue Volkspartei“ antrat, mit sagenhaften 31,5 Prozent. Die darauf folgende türkis-blaue Regierung des jungen Kanzlers Kurz mit Heinz Christian Strache zerbrach zwar bald an Ibiza, doch die Begeisterung um den „Wunderwuzzi“ erreichte - wie wir heute wissen - bei den Nationalratswahlen 2019 ihren absoluten Höhepunkt: 37,5 Prozent für den erst 33-Jährigen! Das einzigartige politische Talent wurde weit über die Grenzen hinaus bewundert. Ein österreichischer Politiker, der auf der halben Welt Beachtung findet: Wann gab es so etwas? Der eloquente und empathisch auftretende Mann erregte Bewunderung, weckte Hoffnung . . . und gleichzeitig auch Neid, Missgunst, Hass. Nun ist, wie Politprofessor Peter Filzmaier sagt, seine „Strahlkraft erloschen“ - Kurz ist am Freitag in erster Instanz (nicht rechtskräftig) zu bedingter Haft verurteilt worden. Seine „bitterste Stunde“, wie die „Krone“ am Samstag titelte.
Irgendwie bitter. Wie bitter ist dieses Urteil für Sebastian Kurz? Das beantwortet er heute im großen „Krone“-Interview mit Conny Bischofberger. „Politisch gesehen ist das Urteil natürlich ein Rückschlag. Etwas, das ich als sehr ungerecht empfinde und deshalb alle meine juristischen Möglichkeiten ausschöpfen werde, um es in zweiter Instanz zu bekämpfen“, sagt der ehemalige Kanzler. Er habe nach dem Urteil des Einzelrichters „unzählige Rückmeldungen von Rechtsanwälten, Richtern, Staatsanwälten und pensionierten Justizbeamten bekommen“, sie hätten ihm versichert, dass sie das gänzlich anders sehen. Ein klein wenig beschreibt sich Kurz diesmal selbst, wenn er sagt, er sei vom Typus her jemand, der in Momenten des Erfolgs nie himmelhoch jauchzend war, sondern immer auch die Verantwortung gesehen und sich gedacht habe: „Werden wir den Ansprüchen eh gerecht? Wird das eh gut gehen?“. Genau so sei er bei Rückschlägen jemand, der nicht zu Tode betrübt ist. Doch diese Schilderung bleibt ein seltener Einblick in sein Seelenleben. Insgesamt geht Kurz auch am Tag nach seiner erstinstanzlichen Verurteilung einmal mehr kraftvoll in die Offensive. Nachdenklichkeit, ein Quäntchen Einsicht, Demut? Kaum. Und das ist auch irgendwie bitter.
Kommen Sie gut durch den Sonntag!
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