Das gilt insbesondere für die Geschichte, die sich im Normalfall wie ein roter Faden vom Anfang bis zum Ende eines Spiels durchziehen oder zumindest durch kleinere Spannungsbögen zwischendurch Motivationsanreize schaffen sollte. Eine solche Kontinuität wird bei "Dragon's Dogma" jedoch schmerzlich vermisst. Nach einer kurzen Einleitung – Held bekommt von Drache das Herz aus der Brust gerissen, lebt aber weiter und will es fortan zurück – herrscht auf der narrativen Ebene Funkstille. Und das bleibt dann auch erst einmal so, was wiederum zur Folge hat, dass man mit dem zuvor in mühevoller Handarbeit vom Scheitel bis zur Sohle geformten Charakter nie so recht warm wird.
Hinzu kommen diverse technische Unzulänglichkeiten und Patzer. So trüben auf der Xbox in größeren Gefechten immer wieder kleine Hänger und ein eingefrorenes Bild den Spielspaß. Während sich dieses Manko durch eine Installation auf der Festplatte der Konsole noch leicht beheben lässt, kann dies von Bildfehlern, ungünstigen Kameraperspektiven und der mitunter unansehnlichen Optik - insbesondere in Bezug auf die Darstellung der eigenen Figur - leider nicht behauptet werden.
Gewaltiger Anblick
"Dragon's Dogma" deswegen als totalen Reinfall abzuschreiben, wäre jedoch verfrüht. Denn spätestens beim ersten Betreten der offenen Spielwelt und dem Blick auf diese wird das Auge ein Stück weit besänftigt. Seine grafisch besten Momente hat das Capcom-Rollenspiel aber, wenn einer der gigantischen Bossgegner die Bühne betritt. Ob Hydra, Greif oder Zyklop – schnell werden bei den Konfrontationen mit den übermächtigen Gegnern Erinnerungen an Sonys "Shadow of the Colossus" wach. Vielleicht kein Zufall, schließlich kann man sich als Krieger auch in "Dragon's Dogma" an den Monstern festkrallen, um verwundbaren Stellen zu Leibe zu rücken.
Kein Spaziergang
Entscheidet man sich hingegen für eine der beiden anderen spielbaren Klassen, nämlich die des Zauberers oder des Bogenschützen, wobei im späteren Spielverlauf auch Mischklassen möglich sind, sollte man hingegen lieber auf Abstand gehen. Im Gegensatz zu anderen Genrevertretern ist bei "Dragon's Dogma" nämlich Ausdauer gefragt: Wer sich dazu entschließt, eine Reise anzutreten, kommt so bald an keiner Stadt mehr vorbei, um seine Vorräte aufzufrischen. Stattdessen gilt es von dem zu Leben, was Natur und besiegte Gegner abwerfen, zumal Schnellreisen für einfache Abenteurer schlichweg nicht finanzierbar sind.
Wenn es dunkel wird
Besonders gefährlich wird es, wenn die Sonne hinter dem Horizont verschwindet und übellaunige Kreaturen aus ihren Tagesverstecken hervorkriechen, um ziellos umherwandernden Reisegruppen aufzulauern. Jetzt weiter in der Wildnis zu verweilen, wäre tödlich, auch deshalb, weil sich die Gesundheit nach Kämpfen nicht vollständig regeneriert. Je länger der Held nach Einbruch der Dunkelheit also draußen bleibt, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass er den nächsten Morgen nicht erlebt. Spieler tun demnach gut daran, rechtzeitig einen geeigneten Platz für die Rast zu finden.
Die Qual der Wahl
Damit der Held unterwegs nicht vollends verloren ist, hat Capcom aber noch das sogenannte Vasallen-System erdacht. Als Vasallen bezeichnet der Publisher nicht spielbare Charaktere, die über eine Zwischenwelt, das sogenannten Rift, der eigenen Gruppe hinzugefügt werden können. Während ein Nebencharakter für die gesamte Dauer des Spiels an der Seite des Helden kämpft, trainiert wird und an Erfahrung gewinnt, können zwei weitere Nebencharaktere nach Belieben ausgetauscht werden, um den Kampfstil an die Gegebenheiten des Spiels anzupassen.
Die Besonderheit: Um die Kampferfahrung zu steigern, können Spieler ihren Haupt-Vasallen online mit Freunden teilen (Offline-Spieler wählen ihre Partner hingegen aus über tausend KI-gesteuerten Vasallen). Die Erfahrungen des eigenen Vasallen, der dem Spiel eines anderen beitritt, machen sich durch gesammelte Gegenstände, Kenntnisse der offenen Welt sowie erlernte Kampfstrategien bemerkbar.
Das Ganze hat somit auch Auswirkungen auf den Handlungsverlauf: Wer nicht weiter weiß, sucht sich einfach einen Vasallen mit mehr Erfahrung, der eine bestimmte Aufgabe schon gemeistert und dementsprechend nützliche Tipps für diese parat hat. Mitunter gelangt man sogar durch den entsprechenden Vasallen überhaupt erst an einen bestimmten Auftrag, wodurch der Wiederspielwert des mit 30 Stunden und mehr bereits sehr großzügig bemessenen Spielumfangs zusätzlich steigt.
Fazit: Rustikal- statt Wellness-Urlaub: "Dragon's Dogma" ist nichts für verwöhnte Abenteurer, die es gewohnt sind, sich bei dem kleinsten Anflug von Ärger in die nächstbeste Stadt zu teleportieren. Wer in "Dragon's Dogma" den ersten Schritt macht, muss den Weg auch bis zum Ende gehen. Das kann mitunter frustrierend und fordernd zugleich sein. Pluspunkte verdient sich "Dragon's Dogma" jedenfalls für sein innovatives Vasallen- und das vielfältige Kampf-System. Dem gegenüber stehen allerdings diverse technische Patzer und der Mangel an einer wirklich fesselnden, durchgehenden Handlung. Wer auf diese ohnehin keinen Wert legt und sich einfach nur ins Abenteuer stürzen möchte, sollte einen Blick auf "Dragon's Dogma" werfen.
Plattform: Xbox 360 (getestet), PS3
Publisher: Capcom
krone.at-Wertung: 7/10
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