Sechstes Studioalbum

The Vaccines: Indie-Rock gegen gängige Trends

Musik
10.01.2024 09:00

Zwei wichtige Bandmitglieder-Abgänge und eine Corona-Pandemie später stehen die britischen 2010er-Jahre Indie-Helden The Vaccines noch immer stramm da und folgen ihrem Traum. Ihr neues Album „Pick-Up Full Of Pink Carnations“ zitert sich gerne selbst - aber mit einer ansteckenden Spielfreude.

kmm

Wenn der große Trend des Genres einmal weg ist, hilft noch nicht einmal ein global grassierender Virus zum flächendeckenden Durchbruch. Während der zwei intensivsten Corona-Jahre hätte es eigentlich keinen besseren Bandnamen als The Vaccines (zu Deutsch: „Die Impfstoffe“) geben können, doch um die Weltherrschaft zu erobern, hätten Frontmann Justin Young und Co. wohl Latin-Pop oder zumindest hemdsärmeligen US-Rap fertigen müssen. Mit Indie-Rock der späten 2000er-Brit-Schule war 2020 nicht mehr flächendeckend Land zu gewinnen, aber das West-Londoner Gespann schwimmt trotz diverser Rückschläge beharrlich an der musikalischen Meeresoberfläche. Schon 2016, direkt nach dem damals dritten Album „English Graffiti“, waren die Briten kurz davor, das Handtuch zu schmeißen, als mit Drummer Pete Robertson das erste der vier Gründungsmitglieder „Ade“ sagte.

Diverse Rückschläge
„Ich glaube nicht, dass wir wirklich ernsthaft über ein Ende der Band nachdachten“, rekapituliert Frontmann Young im „Krone“-Interview, „aber ich gebe zu, sein Abgang warf in der Band gewisse Gedankengänge auf. Es gab eine Zeit lang Schwierigkeiten und wir hatten zwischendurch den Spaß verloren. Wir hinterfragten uns ganz offen, aber das Bauchgefühl sagte, wir müssen das Problem unter Kontrolle kriegen.“ Mit „Combat Sports“ (2018) und dem in der Pandemie leidlich untergegangenen „Back In Love City“ (2021) folgten zwei gute Alben, bis es vor knapp einem Jahr die nächste Hiobsbotschaft gab. Dieses Mal kündigte Lead-Gitarrist Freddie Cowan an, nach 13 Jahren andere Projekte ansteuern zu wollen. Die Möglichkeit einer etwaigen Rückkehr ließ er offen, ob das die übriggebliebenen Vaccines aber genauso sehen, ist nicht sicher.

Wie sich einst schon Drummer Yoann Intonti von einer Verlegenheitslösung zum Stamm-Musiker entwickelte, könnte das nun auch bei Gitarrist Matt Hitt passieren, der ohnehin schon lang zum erweiterten Freundeskreis der Band gehört. Die Spielfreude auf dem brandneuen Album „Pick-Up Full Of Pink Carnations“ deutet jedenfalls nicht darauf hin, dass sich die Impfbefürworter noch einmal in eine Schaffenskrise stürzen ließen. Auf dem sechsten Werk der Band bündeln sich die Stärken der Vergangenheit mit einer zeitgemäßen Produktion, für die Andrew Wells in Los Angeles verantwortlich zeichnet. Die sonnendurchflutete Unterhaltungsmetropole in Kalifornien bildet auch die Unterlage für die zehn Songs auf dem knackigen, nur etwas mehr als 30 Minuten langen Album. Den Albumtitel entlieh sich Young aus einer falschen Songtext-Erinnerung des Don McLean-Klassikers „American Pie“.

Verständnis für Verluste
Grob umrissen geht es um den Tod des amerikanischen Traums und der Unschuld, die man als frisch Zugezogener in L.A. verspürt. Als Young einst vom regnerischen England an die Westküste zog, war er voller Feuereifer und Träume. Die Desillusionierung bzw. Realisierung des wahren Lebens warf den 36-jährigen Frontmann aber erst einmal aus der Bahn. „Auf dem Album geht es um Verlust“, erzählt er, „und darum, mit diesem Verlust fertig zu werden. Nicht unbedingt um ihn zu betrauern, aber zu versuchen, ein neues Verständnis dafür zu entwickeln.“ Ob nun die Heimat, Freund Cowan oder sonst jemand gemeint ist - das kann man aus den Songs selbst herauszufiltern versuchen. Richtungsweisend für das Gesamtwerk war die jüngste Single-Auskoppelung „Love To Walk Away“, die „Pick-Up Full Of Pink Carnations“ erst die Farbe gab, mit der nun alles erstrahlt.

Bereits mit dem Opener „Sometimes I Swear“ berufen sich die Vaccines auf ihre Anfänge und das 2011er-Debütalbum „What Did You Expect From The Vaccines?“, als sie in den letzten Ausläufen des Indie-Hypes wie eine Supernova in der Szene explodierten. Tollen Songs wie „Heartbreak Kid“, „Lunar Eclipse“ oder „The Dreamer“ stellen die Briten aber auch ein paar Durchschnittlichkeiten der Marke „Sunkissed“ oder „Another Nightmare“ entgegen. Das lose Roadmovie-Konzept über das Ankommen in einer harschen Realität und das Durchkämpfen in einer Welt voller Hürden funktioniert aber sehr gut. „Man muss schon ein offenes Auge und Ohr für die Szenen um sich haben“, so Young, „der Trend der Zeit sollte dich jedenfalls nicht überholen. Mir sind etwaige Szenezuschreibungen aber sowieso egal. Wir sind noch immer hier, wir haben Spaß und wir spielen tolle Konzerte und Festivals. Ich höre seit 15 Jahren, dass die Gitarrenmusik tot sei. Da gab es uns noch nicht einmal.“

Ständige Veränderung
Frei nach dem Motto „in Angst erstarrt ist in Angst gestorben“ lassen sich die Vaccines nicht von ihrem Weg abbringen. Auch wenn das neue Werk sich gerne selbst zitiert und keine revolutionären Veränderungen mit sich bringt, haben Songs und Produktion Hand und Fuß. „Wir sind eine sehr geschlossene Band, die dann am besten funktioniert, wenn alle untereinander gut miteinander auskommen. Viele große Bands mussten sich durch harte Zeiten kämpfen, haben aber trotzdem nicht gleich aufgegeben.“ Für die großen Festival-Headlinerslots wird es bei den Vaccines nicht mehr reichen, als gut gebuchte und europaweit beliebte Band lässt es sich aber auch in stattlichen Arenen gut leben. „Seit 2015 hören wir keine andere Musik mehr, wenn wir ins Studio gehen. Wir wollen uns so gut wie möglich von äußeren Einflüssen abgrenzen, wenn wir selbst Musik schreiben. Das ganze Leben ist eine einzige Veränderung. Entweder gehst du mit, oder eben nicht.“

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