Mi, 15. August 2018

Kritik an Elitepolizei

23.03.2012 08:43

Toulouse-Einsatz "ohne klares taktisches Schema"

Der mutmaßliche Serienmörder von Toulouse ist tot. Nach seiner Erschießung beim Zugriff der Polizei wurde am Freitag aber erstmals Kritik an den Spezialkräften laut. Es müsse gefragt werden, warum es der Elitetruppe RAID als "bester Einheit" der französischen Polizei nicht gelungen sei, einen einzelnen Mann lebend zu fassen, sagte der Gründer einer anderen französischen Spezialeinheit, Christian Prouteau, der Zeitung "Ouest France".

Die Operation sei "ohne klares taktisches Schema" ausgeführt worden. Prouteau sagte, gegen den in einer Wohnung verbarrikadierten Mohammed Merah hätte Tränengas eingesetzt werden müssen. "Das hätte er keine fünf Minuten ausgehalten." Die Spezialkräfte hätten den 23-Jährigen mit ihrem Vorgehen während der mehr als 31-stündigen Belagerung dagegen dazu "bewegt, seinen Krieg fortzuführen". Die von Prouteau gegründete Gendarmerie-Spezialeinheit GIGN gilt als Konkurrenz der RAID.

"Unerbittliche Entschlossenheit"
RAID-Chef Amaury de Hauteclocque hatte zuvor gegenüber der Zeitung "Le Monde" gesagt, Merah habe die Polizisten mit einer "unerbitterlichen Entschlossenheit" erwartet. "Es ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich jemanden gesehen habe, der uns angreift, obwohl wir ihn gerade angreifen."

Letztendlich war es ein Kopfschuss, der Merah das Leben kostete. Abgegeben von einem Scharfschützen, der auf einem gegenüberliegenden Haus postiert war. Laut Angaben der Behörden traf er den mutmaßlichen Attentäter, als dieser gerade von einem Balkon sprang.

Zuvor waren die Beamten am Donnerstag gegen 10.30 Uhr in die Wohnung von Merah eingedrungen. Fenster und Eingangstür hatten sie bereits in der Nacht mit Sprengungen zerstört. Vorsichtig tasteten sich die Polizisten Raum für Raum vor. Mit Videokameras kundschafteten sie jedes Zimmer vor dem Betreten aus.

Plötzlich stürmte Merah heraus und schoss
Als die RAID-Einheit als letztes das Badezimmer untersuchen wollte, stürmte Merah aus der Tür heraus und feuerte auf die Beamten. Diese brachten sich in Sicherheit und schossen offenbar zurück. Dennoch konnte sich der mutmaßliche Attentäter auf den Balkon flüchten - möglicherweise auch deswegen, weil Innenminister Claude Gueant die Order ausgegeben hatte, den 23-jährigen lebend zu fassen.

30 Schüsse gab der Attentäter während des Einsatzes ab, die Beamten feuerten offenbar zehn Mal so oft. Auf Seiten der Polizei wurde ein Beamter am Bein verletzt, ein zweiter erlitt einen Schock.

Dem Schusswechsel vorausgegangen war ein 31-stündiger Nervenkrieg. Die Beamten setzten zuerst auf Verhandlungen und Psycho-Taktik. Zunächst schien es so, als hätten sie damit auch Erfolg. Nachdem sie Merah Strom, Wasser, Gas und Telefon gekappt hatten, gelang es ihnen, ihm die Waffe abzuluchsen, mit der er sieben Menschen ermordet haben soll. Sie verlangten die Pistole im Gegenzug für ein Handy, über das sie fortan mit Merah verhandelten.

Stundenlange Gespräche sollten Verschanzten ermüden
Während der Gespräche entlockten sie dem 23-Jährigen dann Details über die Taten und über mögliche Komplizen. Auch über seine Motive plauderte der Verschanzte. Gewünschter Nebeneffekt dieser Taktik: Der Täter wird durch die Gespräche ermüdet, weil er permanent nachdenken muss.

Doch offenbar war Merah trotz seiner Ermüdung nicht gewillt, aufzugeben - obwohl er dies anfangs noch in Aussicht gestellt hatte. Auch die nächtlichen Explosionen schüchterten ihn - anders als von der Polizei erwartet - offenbar nicht ein. Als es dann am Mittwochmorgen mehrere Stunden lang kein Lebenszeichen mehr von Merah gab, entschieden sich die Beamten für den letztendlich tödlichen Zugriff.

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