Fr, 17. August 2018

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12.03.2012 12:31

Panjwai-Massaker: Wehrlose Opfer per Kopfschuss getötet

Nach dem Amoklauf eines US-Soldaten, bei dem am Sonntag in Afghanistan mindestens 16 Menschen ums Leben gekommen sind, herrscht weiter Unklarheit über den Tathergang und das Motiv für die Bluttat. Indessen werden immer mehr Details des blutigen Vorfalls bekannt. So dürften die wehrlosen Opfer großteils mit gezielten Schüssen in den Kopf regelrecht hingerichtet worden sein. Das Massaker überschattete am Montag auch den Afghanistan-Besuch der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel (siehe Video).

Medienberichten zufolge ging der US-Soldat in zwei Dörfern im Distrikt Panjwai in der südafghanischen Provinz Kandahar von Haus zu Haus und erschoss die 16 Bewohner, darunter Kinder und Frauen, kaltblütig. Mindestens fünf weitere Menschen wurden mit teils schweren Verletzungen ins Krankenhaus eingeliefert. Die Zahl der Toten könnte somit noch steigen. Der Mann wurde festgenommen, nach US-Angaben hatte er psychische Probleme.

Menschen mit Kopfschüssen getötet
Ein Reporter der "New York Times", der mittlerweile die Leichen der getöteten und anschließend teilweise verbrannten Opfer inspizieren konnte, berichtete am Montag von gezielten Schüssen in den Kopf. Bilder der Leichen würden darauf hindeuten, dass zumindest ein Teil der Opfer durch einen einzigen Schuss in den Kopf getötet wurde, berichtete auch der britische Nachrichtensender BBC. Ein Foto zeige etwa den Körper eines kleinen Mädchens mit einem Einschussloch an der Schläfe, heißt es in dem BBC-Bericht weiter.

Die Fotos würden zudem mindestens ein Kind zeigen, dessen Körper teilweise verkohlt sei, während Asche auf dem Boden eines Zimmers in einem der Häuser zu sehen ist. Ein Dorfbewohner, Samad Khan, erzählte der Nachrichtenagentur Reuters, dass insgesamt 11 Mitglieder seiner Familie getötet wurden, darunter seine Kinder und Enkelkinder. Unter Tränen schilderte der Bauer, der zum Zeitpunkt des Vorfalls nicht zu Hause war, dass die Körper mit Chemikalien übergossen und dann in Brand gesetzt wurden.

Widersprüchliche Augenzeugenberichte
Die "New York Times" und andere Medien zitierten zudem mehrere Dorfbewohner, die sagten, es habe sich entgegen der Darstellung der Militärs nicht um einen Einzeltäter, sondern um mehrere Angreifer gehandelt. Der 20-jährige Jan Agha, dessen Familie - Vater, Mutter, Bruder und Schwester - bei dem Massaker getötet wurde, gab gegenüber Reuters an, dass mehr als ein Soldat in das Haus seiner Familie eingedrungen sei. "Die Amerikaner blieben eine Zeit lang", sagte er und er habe nur überlebt, weil er sich auf den Boden legte und tot stellte.

Mehrere Dorfbewohner sprachen hingegen von lediglich einem Schützen. Die BBC zitierte einen Jugendlichen, der den Amoklauf Angaben der afghanischen Behörden zufolge mit einer Schusswunde am Bein überlebte. Der 15 Jahre alte Bursche habe in einem Telefonat mit dem afghanischen Präsidenten Hamid Karzai geschildert, wie ein einzelner Soldat nachts in das Haus der Familie eindrang und das Feuer auf die Bewohner eröffnete.

Wie konnte Täter Stützpunkt verlassen?
Fraglich bleibt vorerst auch, wie der Amokschütze mitten in der Nacht seine Militärbasis verlassen konnte. Die Stützpunkte sind von Mauern und Stacheldraht umgeben und werden von bewaffneten Posten bewacht. Sie sind extrem gut gesichert. Das gilt erst recht in einem Unruhedistrikt wie Panjwai. Es ist US-Angaben zufolge fast unmöglich, unbemerkt in einen Stützpunkt einzudringen. Auch ein unbemerktes Verlassen mag für jemanden mit Kenntnis der Sicherheitsvorkehrungen zwar nicht gänzlich ausgeschlossen sein, einfach sei es aber nicht.

Soldaten in Afghanistan ist es aus Sicherheitsgründen nicht erlaubt, ihre Stützpunkte ohne Auftrag zu verlassen. Ebenso dürfen sie sich außerhalb der Lagermauern nicht alleine bewegen. Dass der Täter sich ordnungsgemäß abmeldete, gilt daher extrem als unwahrscheinlich. Die "New York Times" berichtete, der 38-jährige Feldwebel sei mehr als eine Meile (1,6 Kilometer) weit zu den Tatorten gelaufen. Ein nächtlicher Fußmarsch eines US-Soldaten alleine durch eine Taliban-Hochburg ist jedoch ebenfalls äußerst ungewöhnlich.

Afghanen fordern öffentlichen Prozess
Das Parlament in Kabul forderte am Montag ein öffentliches Gerichtsverfahren gegen den Täter und etwaige Mitverantwortliche in Afghanistan. "Wir erwarten, dass die US-Regierung die Verantwortlichen in einem öffentlichen Prozess vor dem afghanischen Volk verfolgt und verurteilt", hieß es in einer Erklärung des Unterhauses. Die Forderung steht jedoch im Widerspruch zu einem Abkommen zwischen Afghanistan und der NATO, wonach ausländischen Soldaten in ihrer Heimat der Prozess gemacht werden soll.

Amoklauf könnte Afghanistan-Pakt verzögern
Fest steht, dass sich die anti-amerikanische Stimmung im Land durch das Massaker zusammen mit der versehentlichen Verbrennung von Exemplaren des Koran (siehe Infobox) noch verschärfen dürfte. Viele Afghanen sind der Ansicht, dass es Zeit für die USA und die NATO ist, das Land zu verlassen.

Die deutsche Bundeskanzlerin Merkel hat indessen bei ihrem Besuch in Afghanistan auf bestehende Risiken hinsichtlich des geplanten Truppenabzugs hingewiesen. Der Versöhnungsprozess mit Aufständischen wie den radikalislamischen Taliban habe zwar Fortschritte gemacht, doch erlaube dies derzeit noch keinen Abzug, sagte Merkel am Montag im deutschen Feldlager im nordafghanischen Mazar-i-Sharif.

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