Gedenkfeier in Berlin
Merkel bat Familien von Neonazi-Opfern um Verzeihung
Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel entschuldigte sich bei den Angehörigen der Neonazi-Morde für falsche Verdächtigungen von Behörden. Diese Zeit müsse für die Angehörigen ein nicht endender Alptraum gewesen sein, meinte die Kanzlerin in der Gedenkveranstaltung vor rund 1.200 Gästen, den Angehörigen der Opfer und sämtlichen Spitzenvertretern des deutschen Staates. Man könne nur ahnen, wie sehr dies die Familien belastet habe. "Sie stehen nicht länger allein da mit ihrer Trauer, wir fühlen mit ihnen, wir trauern mit ihnen", sagte sie an die Adresse der über 80 anwesenden Hinterbliebenen.
Zugleich rief Merkel die Gesellschaft auf, gegen jede Form von Intoleranz und Ausgrenzung einzutreten. "Die Morde der Terrorzelle waren auch ein Anschlag auf das Land. Sie sind eine Schande für unser Land", sagte Merkel.
Die Neonazi-Zelle aus Zwickau hatte von 2000 bis 2007 zehn Menschen ermordet und zahlreiche andere verletzt. Der rechtsextreme Hintergrund der Mordserie war erst im vergangenen Jahr eher durch Zufall aufgedeckt worden (siehe Infobox).
"Demokratie lebt vom Hinsehen"
Merkel forderte neben einer lückenlosen Aufklärung und einem entschiedenen Vorgehen des Staates gegen Rechtsextreme zugleich eine starke Zivilgesellschaft. "Demokratie lebt vom Hinsehen", so die deutsche Kanzlerin. Der Kampf gegen Vorurteile, Verachtung und Ausgrenzung müsse täglich geführt werden. "Aus Worten können Taten werden", warnte Merkel.
Zugleich betonte die Kanzlerin, dass die Vielfalt der in Deutschland lebenden Menschen der Grund für den Wohlstand sei. "Deutschland - das sind alle, die in diesem Land leben."
Familien der Opfer erzählten von ihrem Schicksal
Auch Familienmitglieder von Ermordeten kamen im Rahmen der Gedenkfeier zu Wort. "Ich habe meinen Vater verloren. Lasst uns verhindern, dass das auch anderen Familien passiert", sagte Semiya Simsek. Auf ihren Vater war am 9. September 2000 geschossen worden, der Blumenhändler starb später im Krankenhaus.
Gamze Kubasik, deren Vater 2006 in Dortmund erschossen wurde, sprach von der Hoffnung "auf eine Zukunft, die von mehr Zusammenhalt geprägt ist". Dies solle eine Kerze symbolisieren, die beide junge Frauen zum Abschluss unter Beifall aus dem Saal trugen (sechstes Bild).
Der Vater des 2006 ermordeten Halit Yozgat schilderte bei der Feier, wie sein Sohn in seinen Armen starb. Ismail Yozgat dankte Bundeskanzlerin Merkel für ihre Rede. Er würdigte den am vorigen Freitag zurückgetretenen Bundespräsidenten Christian Wulff dafür, dass er diese Veranstaltung möglich gemacht habe. "Wir sind seine Gäste. Wir bewundern ihn", sagte er.
Deutschlandweite Schweigeminute
Viele Betriebe und Behörden folgten deutschlandweit einem Aufruf der Gewerkschaften und der Arbeitgeber zu einer Schweigeminute. Um 12 Uhr standen beispielsweise im Porsche-Werk in Stuttgart-Zuffenhausen die Bänder still. Auch die Daimler-Mitarbeiter in Sindelfingen ließen für eine Minute ihre Arbeit ruhen.
Zudem beteiligten sich Schulen bundesweit an der Aktion. In Berlin stoppten außerdem Busse und Bahnen. Der Rundfunk Berlin-Brandenburg unterbrach sein Programm für eine Minute. Vielerorts gab es Trauerbeflaggung.







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