"Nicht ausreichend"

Scharfe Kritik an der sprachlichen Frühförderung

Österreich
21.02.2012 10:36
Der heutige internationale Tag der Muttersprache bietet Anlass, die sprachliche Frühförderung unter die Lupe zu nehmen. Experten orten dabei allerdings schwere Mängel, wie das Ö1-"Morgenjournal" am Dienstag berichtete. Das System setze demnach zu spät an und gewährleiste nicht, dass Kinder beim Eintritt in die Volksschule gut Deutsch sprechen.

Erst Ende Jänner hatte die Regierung die Verlängerung der sprachlichen Frühförderung in Kindergärten beschlossen. Damit erhalten die Länder von heuer bis 2014 jährlich fünf Millionen Euro vom Bund, wenn sie die Mittel entsprechend kofinanzieren. Mit dem Geld sollen Fördermaßnahmen für drei- bis sechsjährige Kinder mit Sprachproblemen gewährleistet werden. Besonderes Augenmerk soll dabei auf Kinder mit nicht deutscher Muttersprache gelegt werden, sodass sie mit Eintritt in die Volksschule die Unterrichtssprache beherrschen.

"Maßnahmen nicht ausreichend"
Experten erachten diese Maßnahmen allerdings als nicht ausreichend. Kindergartenpädagogen wären überfordert, die Gruppen zu groß und die Muttersprachen der Kinder würden nicht ausreichend gefördert. Außerdem wird kritisiert, dass das Geld nicht ausreiche, um alle Kinder gleichermaßen zu unterstützen. Wenn die Förderung beispielsweise erst im Alter von fünf Jahren beginne, sei das viel zu spät. "Mit einem Jahr ist überhaupt nichts getan, denn Sprache funktioniert über Beziehung. Und Beziehung ist eine Frage der Zeit", so Heidemarie Lex-Nalis von der Bildungsplattform EduCare gegenüber Ö1.

Ähnlich sieht dies Rudolf de Cillia vom Institut für Sprachwissenschaften der Universität Wien. Sprachförderung müsse früher beginnen, und daher wäre es sinnvoll, wenn Kinder schon mit drei oder vier Jahren in den Kindergarten gehen. Um die Besucherzahl im Kindergarten zu erhöhen, müsste er allerdings gratis sein. Denn für viele Eltern sei dies auch eine Kostenfrage. Außerdem fordert der Sprachwissenschaftler, dass der Bund mehr Geld in die Hand nehme, um auch die "mitgebrachte" Muttersprache der Kinder zu fördern.

Muttersprache oder Deutsch - was zuerst?
Ob zuerst die Muttersprache beherrscht werden muss, bevor Deutsch gelernt werden kann, oder ob beide Sprachen parallel erlernt werden können, da gehen die Meinungen der Experten auseinander. Während Lex-Nalis gegenüber Ö1 betont, dass die Muttersprache die Grundlage jedes Lernens sei, sieht dies der Sprachwissenschaftler der Uni Wien anders. Kinder könnten auch zwei Sprachen parallel lernen und müssten die Muttersprache nicht perfekt beherrschen, um Deutsch zu lernen. Diese Ansicht unterstützt auch die Bildungsexpertin der Arbeiterkammer, Ulrike Gollonitsch-Gehmacher.

Um auf die unterschiedlichen Bedürfnisse der Kinder besser eingehen zu können, wäre eine bessere Ausbildung von Nutzen. Wie die Experten betonten, sei ein akademischer Abschluss für alle Kindergartenpädagogen erforderlich.

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