Festrednerin Anna Baar

„Anton Bruckner hatte ein Talent zur Traurigkeit“

Oberösterreich
03.09.2023 16:30

Anna Baar gilt als eine der kühnsten Stimmen der österreichischen Gegenwartsliteratur; sie eröffnet am Sonntag, 10. September das Brucknerfest 2023, die „Krone“ sprach mit ihr vorab.

Das Linzer Brucknerfest zelebriert heuer zu Unrecht vergessene Komponistinnen und legt den Schwerpunkt auf erstklassige Interpretinnen. Passend zum Motto „Aufbruch. Das Ewig-Weibliche zieht uns hinan“ wird eine Frau, nämlich die Schriftstellerin Anna Baar (50), diese hochkarätige Konzertreihe eröffnen. 

Blick auf die Gegenwart
Baar stammt aus Zagreb, heute lebt sie in Klagenfurt und Wien. Mit ihrem Roman „Nil“ (Wallstein, 2021) gelang ihr der Durchbruch. Ihre literarischen Werke – Romane, Kurzgeschichten, Erzählungen, Essays – wurden vielfach ausgezeichnet. Unter anderem erhielt sie 2022 den Großen Österreichischen Staatspreis. Und sie gilt als kühne Analytikerin unserer Gegenwart. Für einen Talk mit der „Krone“ öffnet sie ihre Schreibstube.

„Krone“: Haben Sie Ihre Rede schon konzipiert? 
Anna Baar: Ja. Die Arbeit daran ist abgeschlossen.

Was ist der Dreh- und Angelpunkt? 
Ich erlaube mir ein paar steile Thesen zur Krise der Weiblichkeit und zu ihrer Rettung.

Was halten Sie von Anton Bruckner? 
Wie viele berühmte Künstler war er ein Teilleistungsbegabter. Seine Musik zählt zu Recht auch heute zum Großen. Ansonsten? Dem Vernehmen nach war er ein Mensch mit dem Talent zur Traurigkeit, nicht?

Als Schriftstellerin beobachten Sie sicher genau, was aktuell in Österreich vorgeht. Was bereitet Ihnen am meisten Unbehagen? 
Dass wir unsere Mitte verlieren – nicht nur in politischer Hinsicht. Die fröhlichen „Urständ der Steinzeit“, die wildgewordenen Keulenschwinger allerseits, die sich gegenseitig ihre Moral einbläuen wollen. Ich orte eine Weigerung, Kontroversielles differenziert zu betrachten. Es gibt die Verurteilung von Entgegenkommen, Erbarmen, Hilfsbereitschaft, Mitleid und Toleranz als sozialromantisch, naiv und versponnen. Wie tief kann man eigentlich sinken?

Was vermissen Sie in der Lösungsfindung? 
Entgegenkommen, Erbarmen, Mitleid, Toleranz, Friedfertigkeit!

Was kann eine hochkarätige Konzertreihe wie das Brucknerfest dazu beitragen? 
Wo Kunst gefeiert wird, tun sich Räume für Vergebung auf. Es braucht diese Räume, sehr. Und darum freut und ehrt mich die Einladung, die Festrede zur Eröffnung zu halten.

Was ist die Aufgabe von Kunst in unseren Breiten? 
Jubeln wir der Kunst keine Aufgaben unter! Die Ratlosen wollen sie wieder zur Lösung so genannter großer Fragen heranziehen. Kunst kann politisches Versagen weder ahnden noch abgelten. Sie kann beim Leben helfen, was ja mehr als genug ist.

Haben Sie sich schon einmal als weibliche Künstlerin, diskriminiert gefühlt? Wenn ja, worum ging es? 
Wenn ja, geht es immer ums Eine!

Zur Person

Anna Baar wurde 1973 in Zagreb geboren. Kindheit und Jugend in Wien, Klagenfurt und auf der dalmatinischen Insel Brač. Studium der Publizistik und Öffentlichkeitsarbeit an den Universitäten Wien und Klagenfurt. 2008 Promotion zum Dr. phil. an der Universität Klagenfurt. Freiberufliche Arbeit für Auftraggeber aus Wirtschaft, Wissenschaft und Kunst. Bereits während des Studiums Arbeiten für Presse und Rundfunk, Romandebut 2015 im Wallstein Verlag Göttingen.  Bücher u.a.: Die Farbe des Granatapfels (2015); Als ob sie träumend gingen (2017);  Nil (2021); Divân mit Schonbezug (2022); alle Wallstein Verlag, Göttingen.  

Gibt es bald ein neues Werk von Ihnen? 
Am 13. September erscheint mein Buch „He, holde Kunst!“ im Wallstein Verlag. Darin beschäftige ich mich mit Menschen und Werken aus Musik, Literatur und anderen Kunstsparten, die mir wichtig waren und es zum Teil immer noch sind. Und es geht auch um das Befragen des Wahrnehmens und Urteilens.

Was werden Sie nach Ihrer Rede machen? 
In Deckung gehen, wie immer nach größeren Auftritten.

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