Rekord-Einsatz

Letzte Castor-Schlacht zermürbt die Polizei

Ausland
28.11.2011 09:14
Die vorerst letzte Reise eines Castors wird zur bislang härtesten Belastungsprobe in der Geschichte der deutschen Atomtransporte. Zwar ist der Zug mit den Behältern am Montagmorgen in der Verladestation angekommen, doch die Aktivisten liefern sich weiter einen nervenzerreibenden Kleinkrieg mit der Polizei. Und das seit mittlerweile fünf Tagen - ein neuer Verzögerungsrekord. Viele Beamte sind mit den Nerven am Ende und wollen nur noch nach Hause.

Bereits am Mittwoch um 16 Uhr war der Zug nahe der französischen Aufbereitungsanlage La Hague gestartet. Für die 1.200 Kilometer nach Gorleben benötigt der Transport damit nun bereits fünf Tage. Am frühen Montagmorgen erreichten die Atom-Container nun immerhin ein wichtiges Etappenziel: den Umladebahnhof im deutschen Ort Dannenberg. Dort werden die Behälter vom Zug auf Sattelschlepper gehoben. Anschließend werden die Castoren auf der Straße zum 20 Kilometer entfernten deutschen Zwischenlager gebracht.

Doch gerade dieser letzte Streckenteil hatte der Polizei in der Vergangenheit oft enorme Probleme bereitet. Dabei sind die Beamten schon jetzt frustriert, viele klagen über die außergewöhnlichen Belastungen und sind völlig ausgelaugt. Zwar versuchen sie, die Protestler mit Pfefferspray auf Distanz zu halten, doch die radikalsten Aktivisten haben nun ihre Taktik geändert und beschießen die Beamten mit Pyrotechnik (siehe weitere Bilder). Auch Farbbeutel-Angriffe, Steinwürfe und Reizgas-Attacken stehen auf der Tagesordnung. Viele Beamte halten diesen "Krieg" nicht mehr aus, sie wollen nur noch nach Hause.

Schon der Weg zum Verladebahnhof war diesmal mit besonders vielen Hindernissen versperrt und von zahlreichen Widerständlern gesäumt. Immer wieder mussten die Beamten in nervenzerreibenden Aktionen die Aktivisten vertreiben oder forttragen. Eine wahren Sisyphos-Arbeit. Bei Hitzacker hatten die Castor-Gegner dann den Transport mit einer Beton-Pyramide auf den Gleisen mehr als 15 Stunden lang aufgehalten (siehe Video in der Infobox). Drei Männer und eine Frau hatten sich in der selbst gebauten Konstruktion angekettet.

Polizei scheitert an Beton-Blockade
Die Sperre der Bäuerlichen Notgemeinschaft war das letzte große Bau-Hindernis auf der Schienenroute. Die Polizei räumte ein, es habe sich bei der Betonpyramide "augenscheinlich um ein durchdachtes, ausgeklügeltes" System gehandelt. Es sei nur schwer möglich gewesen, die Atomkraftgegner unverletzt zu befreien, hieß es. Schließlich hätten die Castor-Gegner aber von selber aufgegeben.

Die Anti-Atom-Initiativen werteten die Gleisblockade als großen Erfolg. Zumal sich kurz hinter der geräumten Beton-Blockade mehrere Hundert Demonstranten zu weiteren Sitzblockaden auf den Gleisen niedergelassen hatten.

"Ich hätte nicht gedacht, dass es so lange dauert. Letztlich ist die Polizei gescheitert", sagte Aktivist Heiko Müller-Ripke, nachdem er sich aus der Verankerung von der Pyramide gelöst hatte. Auch der Neffe der grünen Bundestagsabgeordneten Brigitte Pothmer, die auf einem Hof im Wendland aufgewachsen ist, gehörte zu den angeketteten Castor-Gegnern. Es sei die längste Einzelaktion, die es je gegen einen Castor-Transport gegeben habe, sagte die Grünen-Politikern Rebecca Harms, die auch im Wendland zu Hause ist.

20.000 Polizisten im Einsatz, 50 Millionen Euro Kosten
Zuvor hatten Atomkraftgegner auch an anderen Orten entlang der letzten Bahn-Kilometer zwischen Lüneburg und Dannenberg immer wieder für unplanmäßige Stopps gesorgt. Zudem hatten sich rund 200 Vermummte in einem unübersichtlichen Waldstück eine heftige Auseinandersetzung mit Polizisten geliefert, bei der auch Journalisten mit Wurfgeschossen attackiert worden waren.

Insgesamt hat es bei diesem Transport schon mehr als 250 Verletzte auf beiden Seiten gegeben. Die Kosten für den Einsatz dürften sich auf mindestens 50 Millionen Euro belaufen, 20.000 Polizisten sichern die Castor-Strecken.

Vorerst letzter Castor-Transport dieser Art
Der Castor-Transport bringt hoch radioaktiven Atommüll aus der französischen Wiederaufarbeitungsanlage La Hague ins Zwischenlager Gorleben. Deutschland ist verpflichtet, den Müll der deutschen Atomkraftwerke zurückzunehmen. Da die Wiederaufbereitung inzwischen gestoppt wurde, ist der aktuelle Transport vorerst der letzte seiner Art. Ausgebrannte Brennelemente werden mittlerweile zum Ausklingen auf dem Gelände des jeweiligen AKWs gelagert. Wann der Weitertransport in ein Endlager erfolgt, ist noch offen. Ebenso ist unklar, wo dieser Ort sein wird.

Aus Sicht der Castor-Gegner ist Gorleben jedenfalls nicht für die Lagerung von Atommüll geeignet. Sie befürchten, dass der Salzstock im Wendland aus politischen Gründen als Endlager durchgesetzt werden soll. Zudem würde mit der Einlagerung weiterer Castoren versucht, Fakten zu schaffen. Kritiker halten den Salzstock unter anderem wegen der geologischen Begebenheiten für ungeeignet. An die vom deutschen Umweltminister Norbert Röttgen und den deutschen Bundesländer-Regierungen vereinbarten Suche nach einem alternativen Endlagerort in Deutschland glauben die protesterfahrenen Wendländer nicht. Sie fordern deswegen schon jetzt, Gorleben bei der neuen Suche kategorisch auszuklammern.

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