12.11.2011 17:07 |

Verheerende Pannen

Magazin enthüllt: Das geschah in Fukushima wirklich

Was geschah wirklich bei der Atomkatastrophe von Fukushima? Noch immer mauert der Betreiber Tepco. Doch das amerikanische Fachmagazin "ieeee spectrum" hat jetzt dank Gesprächen mit Rettungskräften die Vorgänge der ersten 24 Stunden nach dem Tsunami rekonstruiert. Das Fazit: Haarsträubende Mängel führten dazu, dass aus der Tsunami-Überschwemmung ein GAU wurde. Hier das Protokoll der Ereignisse.

11. März, 14.46 Uhr: Ein Erdbeben der Stärke 9,0 erschüttert die Ostküste Japans. Fünf Sekunden später werden in den drei aktiven Reaktoren des AKW Fukushima automatisch die Steuerstäbe herabgelassen, um die Kettenreaktion zu unterbrechen. Weitere fünf Sekunden später springen die Notstrom-Aggregate an. Sie versorgen die Anlage mit Elektrizität, die nötig ist, um den Kühlkreislauf aufrechtzuhalten. Denn die Nachwärme der Brennstäbe ist trotz beendeter Kettenreaktion noch gewaltig.

11. März, 14.52 Uhr: Block 1 wird von den Kraftwerk-Angestellten begutachtet. Er verfügt als einziger über ein Kühlsystem, das auch ohne Strom läuft. Weil die Temperatur aber zu rasch sinkt, wird dieser Kreislauf gemäß den Vorschriften abgeschaltet. Andernfalls droht eine Beschädigung des Druckgefäßes. Die elektrische Kühlung kommt zum Einsatz. Ein fataler Fehler, wie sich später zeigen sollte.

11. März, 15.27 Uhr: Eine erste Tsunami-Welle trifft Fukushima. Sie ist etwa vier Meter hoch, führt aber zu keinen größeren Schäden, da das AKW etwa zehn Meter über dem Meeresspiegel liegt.

11. März, 15.35 Uhr: Ein zweiter Tsunami erreicht die Küste. Diese etwa 14 Meter hohe Welle überschwemmt die Anlage komplett. Elf der zwölf Notstrom-Generatoren samt Steuerungseinheiten stehen unter Wasser. Auch die Notbatterien werden überflutet. Ein einziger Generator muss nun also Strom für die drei abgeschalteten Reaktoren liefern. Doch die Energie reicht nicht aus. Im Kontrollraum von Reaktor 1 gehen die Lichter aus, auch die Steuerelemente erlöschen. Das Personal muss den Ernstfall ohne jegliche Instrumente in den Griff bekommen.

11. März, 16.04 Uhr: Da durch den Strommangel auch die Kühlpumpen ausgefallen sind, wird kein frisches Wasser mehr in den Reaktor gepumpt. Das nun stehende Wasser erhitzt sich und verdampft. Die Brennelemente liegen zu immer größeren Teilen frei, während sich der Dampf an der Kuppel des Reaktors sammelt. Unterdessen schickt Tepco elf fahrbare Generatoren aus dem 250 Kilometer entfernten Tokio in Richtung Fukushima.

11. März, 16.36 Uhr: Tepco informiert die japanische Regierung über den Zustand des Kernkraftwerks von Fukushima.

11. März, 21.00 Uhr: Weil die Trucks mit den Stromgeneratoren immer noch nicht eingetroffen sind, knacken die Arbeiter in Fukushima die Motorhauben der Autos auf dem AKW-Gelände. Sie entnehmen die Batterien und bringen mit ihnen die wichtigsten Anlagen des Kontrollraumes wieder zum Laufen.

11. März, 23.02 Uhr: Das Druckgefäß weist erste Lecks auf, hochradioaktive Gase entweichen in den äußeren Schutzbehälter.

11. März, 23.50 Uhr: Im Kontrollraum sind die Techniker beruhigt, weil das Kühlwasser-Level in Block 1 laut den Instrumenten noch hoch genug ist. Erst Wochen später wird klar, dass die Anzeigen defekt waren und die Brennstäbe zu diesem Zeitpunkt bereits freilagen. Die Hitze im Reaktor steigt auf 1.300 Grad Celsius. Die Schutzhüllen der Brennstäbe reagieren nun mit dem Wasser und bilden hochexplosiven Wasserstoff. Die stromunabhängige Kühlung, die deaktiviert worden war, kann wegen des Strommangels nicht wieder hochgefahren werden.

12. März, kurz nach Mitternacht: Tepco befiehlt den Ingenieuren, die Gase in der Schutzhülle durch Ventile in die Außenwelt abzulassen. Dadurch wäre auch der Wasserstoff entwichen. Doch die Lüftung funktioniert nicht. Etwa zur gleichen Zeit treffen die fahrenden Generatoren ein. Sie waren nur langsam vorangekommen, weil sie sich einen Weg durch die Blechlawine der Flüchtenden bahnen mussten. Später wird die Frage laut, warum die Notfall-Trucks derart weit von der Anlage entfernt stationiert waren.

12. März, 1.22 Uhr: Das normalerweise von einem Kran verlegte, 200 Meter lange Anschlusskabel des Generators wird von den Fukushima-Arbeitern per Hand zum Reaktor geschleppt. 40 Mann benötigen hierfür fünf Stunden. Erneut verstreicht auf diese Weise kostbare Zeit.

12. März, 15.30 Uhr: 24 Stunden nach dem Auftreffen der verheerenden Tsunami-Welle und 14 Stunden nach dem Eintreffen der Lkw sind endlich alle Installationsarbeiten erledigt. Die mobilen Generatoren versorgen das Kühlsystem nun mit Strom. Doch es ist bereits zu spät. Die Kernschmelze ist schon erfolgt, und um 15.36 Uhr kommt es in dem AKW zu einer verhängnisvollen Wasserstoff-Explosion. Das Druckgefäß und die Schutzhülle des Reaktors werden zerstört, die Trümmer durchschlagen das Stromkabel der rollenden Generatoren, sodass die Kühlung sofort wieder zusammenbricht. Die Radioaktivität in der Außenwelt steigt enorm an, was später auch die Bemühungen untergräbt, die ebenfalls instabilen Reaktoren 2 und 3 zu kühlen. Auch sie werden später explodieren.

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