Mitarbeiter des Instituts für Biomedizinische Probleme (IMBP) in Moslkau öffneten die versiegelte Luke, um das Experiment "Mars 500" planmäßig zu beenden. Anschließend nahmen Wissenschaftler aus Russland und Deutschland sowie Familienangehörige die sechs blass wirkenden Männer mit heftigem Applaus in Empfang. Die "Marsonauten" strahlten vor Glück über das ganze Gesicht. Wegen einer möglichen Ansteckungsgefahr präsentierten sich die Männer der Öffentlichkeit zunächst nur kurz.
Seit 3. Juni 2010 im Container
"Die sauerstoffreichere Atemluft hier draußen wird in den Köpfen der Crew ein ganz besonderes Euphoriegefühl auslösen", hatte IMBP-Experte Alexander Suworow vor dem Ende des Experiments gesagt. Die Teilnehmer simulierten seit dem 3. Juni 2010 genau 17 Monate lang einen mehr als 50 Millionen Kilometer weiten Flug zum Mars und zurück, inklusive eines virtuellen Spaziergangs auf dem Roten Planeten (Bericht in der Infobox).
Ziel des bislang längsten Isolations-Experimentes der Raumfahrt, an dem drei Russen, ein Italiener, ein Franzose und ein Chinese teilnahmen, war es, die Auswirkungen von Mars-Flügen auf den Menschen zu untersuchen. Die am Projekt "Mars 500" beteiligten Raumfahrtbehörden wollten vor allem herausfinden, ob Menschen die Einsamkeit und das Frustrationspotenzial des langen Fluges zum Roten Planeten und wieder zurück ertragen können.
Rund zehn Millionen Euro hat der Langzeitversuch gekostet, für jeden Teilnehmer der virtuellen Reise gibt es etwa 80.000 Euro. Da Experten Leben auf dem Mars nicht ausschließen, ist der erdähnlichste Planet im Sonnensystem besonders spannend.
Rund um die Uhr von Kameras überwacht
Fast 12.500 Stunden in einem fensterlosen Container mit einer Holzvertäfelung (Bild 2), die sowjetischen Charme verbreitet: Das ist fünfmal so lange wie beim ersten Langzeitexperiment der Mars-Forscher vor zwei Jahren, als die Teilnehmer 105 Tage im Moskauer "All" verbrachten. Kameras übertrugen das Geschehen im Modul - bis auf eine je drei Quadratmeter große Privatkammer - in einen benachbarten Kontrollraum. "Die Männer freuen sich auf den Ausstieg wie Kinder auf Weihnachten", sagte Martin Zell von der Europäische Weltraumorganisation ESA vor wenigen Tagen. Seit Wochen fühle sich die Crew "ausgelaugt", heißt es.
"Die Simulation ist viel schwieriger als ein wirklicher Flug", beschrieb Elektroingenieur Diego Urbina, einer der "Marsianer", die Stimmung in dem 180 Quadratmeter großen "Raumschiff" kurz vor dem Ende des Experiments. Im Gegensatz zu einem wirklichen Flug zum mehr als 50 Millionen Kilometer entfernten Mars fehlten bei dem Experiment zwar Schwerelosigkeit und kosmische Strahlung. "Stattdessen spürt man oft Einsamkeit und eine große Monotonie", erzählte der 28-jährige Italiener per Funk aus dem Modul.
Urbina hatte noch "Glück": Mit dem Russen Alexander Smolejewski und dem Chinesen Wang Yue durfte er im Februar den röhrenförmigen Container kurz verlassen - für die virtuellen ersten Schritte eines Menschen auf dem Mars (Bericht in der Infobox). Forscher hatten ein Stück des Roten Planeten, der den Beinamen wegen des rötlichen Eisenoxidstaubs trägt, im Moskauer Institut für Biomedizinische Probleme nachgebaut.
Simulationen und Dutzende Experimente
Alexej Sitjow und Suchrob Kamolow (beide Russland) sowie Romain Charles aus Frankreich mussten im "Mutterschiff" auf ihre Kollegen warten. "Aber Hand aufs Herz: Wir waren uns in jeder Sekunde bewusst, dass wir nicht wirklich auf dem Weg zum Mars waren", räumte Urbina augenzwinkernd ein. Um die Besatzung auf Trab zu halten, dachte sich die "Bodenstation" Dutzende Experimente aus - und inszenierte Pannen wie einen Brand. Auch kappte die Projektleitung für eine Woche alle Leitungen, damit die "Raumfahrer" den Notfall im All proben.
Handgreiflichkeiten wie bei früheren Experimenten habe es nicht gegeben, beteuerte Urbina. "Es war an Bord wie im normalen Leben: Nicht jeder muss jedermanns guter Freund sein." Sein Kollege Wang Yue freut sich unbändig auf den Ausstieg: "Ich habe Sehnsucht nach der Kochkunst meiner Mutter", gestand der Chinese nach dem strikten Ernährungsdiktat der Forscher. Zwar hatte das "Raumschiff" vier Tonnen Lebensmittel an Bord, asiatische Küche war aber nicht dabei.
Trainingsgerät der TU Wien war dabei
Weil auf langen Weltraumreisen auch ein maßgeschneidertes Trainingsprogramm wichtig ist, haben Forscher der TU Wien gemeinsam mit Sportwissenschaftlern der Universität Wien und Biomedizinern aus Moskau dafür ein Gerät entwickelt, das im Rahmen des "Mars 500"-Experiments ausführlich getestet worden ist.
"Trainingsgeräte für Weltraumaufenthalte gibt es schon lange, doch die bisher verfügbaren Geräte können Muskel- und Knochenschwund nicht vollständig aufhalten", sagte Thomas Angeli vom Institut für Konstruktionswissenschaften und Technische Logistik der TU Wien. Die neue Maschine soll ausreichend hohe Reize setzen, um dem Abbau von Muskeln und Knochen in der Schwerelosigkeit besser entgegenzuwirken. Dabei hilft ein kleiner Elektromotor. Kräfte einfach über Gegengewichte aufzubringen, wie das bei den meisten Fitness-Geräten üblich ist, wäre in der Schwerelosigkeit unmöglich.
Mit den Übungen können verschiedene Muskelpartien trainiert werden. "Unser Krafttraining soll möglichst effizient und zeitsparend sein - schließlich ist die Zeit von Weltraumreisenden wertvoll", erläuterte Roman Talla von der TU Wien. Das Gerät werde auch zur Diagnose eingesetzt: Mit unterschiedlichen Messungen kann der Zustand und der Kraftverlauf bestimmter Muskelgruppen beobachtet werden, so die Forscher.








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