Mohammed auf Cover
Brandbombe gegen Satireblatt nach Scharia-Ausgabe
Die Flammen in den Redaktionsräumen des Satire-Blattes loderten fast zeitgleich mit der Auslieferung der druckfrischen Exemplare des Sonderheftes "Scharia Hebdo" mit einer Beilage namens "Scharia Madame". Neben dem Titel prangte ein bärtiger Turbanträger mit der französischen Inschrift: "Chefredakteur Mohammed". Dieselbe Comic-Figur versprach auf der Titelseite des für seine bissigen Artikel bekannten Wochenblattes: "100 Peitschenhiebe, wenn Sie nicht vor Lachen tot umfallen."
Redaktionsräume vollständig zerstört
Chefredakteur und Zeichner "Charb" blieb das Lachen allerdings im Halse stecken. Denn während an den Kiosken rund um die Pariser Oper alle Exemplare des Heftes schon vor 8 Uhr ausverkauft waren, stapelten sich zur gleichen Zeit vor der verkohlten Fassade des Verlagsgebäudes Säcke mit Aktenordnern und anderem Büromaterial. Nach dem nächtlichen Brandanschlag waren im Innern der Redaktionsräume nur noch geschmolzene Kopierer oder verkohlte Monitore übriggeblieben. Der Brand sei inzwischen gelöscht worden, Verletzte und Festnahmen habe es keine gegeben, teilte die Polizei mit. "Alles ist zerstört", sagte Patrick Pelloux, ein Kolumnist der mit einer Auflage von 140.000 Exemplaren erscheinenden Zeitschrift.
Ein Mitglied der Verlagsleitung sprach gegenüber dem TV-Sender BFM-TV auch von eingegangenen Droh-Mails an die Redaktion. Zudem wurde die Website des Blattes gehackt. Vor laufender Fernsehkamera beklagte Charb die Intoleranz von Leuten, die vom Heft gerade mal die am Vorabend im Internet verbreitete Titelseite gesehen haben konnten.
Politik und Medien zeigen sich solidarisch
Bei den Vertretern der französischen Medien herrschte ebenso wie bei den Politikern der großen Parteien Einigkeit: Ob man den bösen Humor des Satireblattes mag oder nicht, Gewalt gegen Medien ist absolut inakzeptabel. Während der sozialistische Pariser Bürgermeister Bertrand Delanoë von einem schweren Anschlag gegen die Meinungsfreiheit sprach und dem Blatt Hilfe bei der Suche nach Ersatzräumen versprach, kam die erste Geste der Solidarität von der linksliberalen Zeitung "Libération". Man werde zusammenrücken und den Kollegen für die Produktion ihres nächsten Heftes Unterschlupf gewähren, verkündete die Chefredaktion.
Premierminister François Fillon zeigte sich über den Anschlag empört, Innenminister Claude Guéant rief alle Franzosen zur Solidarität auf. Es gelte, zwischen Muslimen zu unterscheiden, die friedlich ihren Glauben lebten, "und solchen, die aus dem Islam ein Element der Eroberung, des intellektuellen Imperialismus" machen wollen.
Ein Mitarbeiter des Blattes sagte trotzig in die TV-Kameras: "Das war das Werk von zwei oder drei Dummköpfen, die in keiner Weise die moslemische Gemeinschaft repräsentieren. Ich werde den Schwachköpfen zeigen, dass sie isoliert sind." Keinen Millimeter seiner Meinungsfreiheit werde er abtreten.
Satireblatt ohne politische Korrektheit
Das 1970 gegründete Satireblatt ging aus dem von den Behörden verbotenen Vorgängerblatt "Hara-Kiri" hervor und scherte sich nie um politische Korrektheit, wenn es seine Attacken gegen die Mächtigen aus Politik und Wirtschaft, aber auch gegen Sekten, Rechsextreme oder religiöse Eiferer ritt.
Im jüngsten Heft nimmt die Zeitschrift christliche Fundamentalisten ebenfalls aufs Korn. Das wegen Geldmangels zwischen Ende 1981 und 1992 vorübergehend eingestellte streitbare Blatt ist Stammgast vor den Gerichten des Landes.
Klage wegen Mohammed-Karikaturen
Eine weitere Klage hatte sich "Charlie Hebdo" unter anderem wegen einer bitterbösen "Papst-Sonderausgabe" eingehandelt. Doch auch diese Klage ließ die Satiriker nicht verstummen - ebensowenig wie das gerichtliche Nachspiel für den Nachdruck der dänischen Mohammed-Karikaturen im Jahr 2006.
Zusätzlich ließ man aus dem islamischen Kulturkreis stammende Intellektuelle zu Wort kommen, die gegen den Islamismus als neue weltweite totalitäre Bedrohung Position bezogen. Eine regelrechte Kampfansage in Richtung Islam sahen die klagenden islamischen Verbände darin - vom Gericht gab es jedoch Flankenschutz: Es sah darin keinen Angriff auf Muslime, sondern auf eine kleine Minderheit, die Terroristen.
Innerhalb der Redaktion des Satireblattes denkt man nach dem Anschlag bereits an den Titel der nächsten Ausgabe. "Même pas peur - nous sommes toujours là", "Nicht mal Angst - wir sind immer noch da", wurde nach TV-Angaben bereits als Arbeitstitel erwogen.







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