Beeinträchtigte Gruppe

„Wir freuen uns, dass der Maibaum gestohlen wurde“

Oberösterreich
13.05.2023 06:00

Intellektuell beeinträchtige Bewohner eines Lebenshilfe-Quartiers im Mühlviertel lösten das Diebsgut erfolgreich wieder aus. Betreuer widersprechen kritischen Stimmen, die behaupten, es sei verwerflich diesen Menschen ihren Maibaum zu stehlen.

Bereits im Jänner hatten Bewohner und Betreuer einer Lebenshilfe-Unterkunft in St. Peter am Wimberg Pläne für ein eigenes Maibaumfest geschmiedet. Zwei Wochen vor dem vereinbarten Termin wurden dann Nägel mit Köpfen gemacht: ein etwa acht Meter hoher und 30 Zentimeter dicker Baum im Wald gefällt, geschält und zur Unterkunft transportiert.

Bewohner und Mitarbeiter dekorierten den Stamm und die Krone. Und am 1. Mai wurde er mit Hilfe von Angehörigen, Nachbarn und Freunden feierlich aufgestellt. Wobei eine Schuhplattler-Gruppe aus dem Ort für Unterhaltung sorgte. „Es war sehr lustig“, erinnert sich Mario Vitale, der Leiter des Wohnhauses, gern an dieses Fest zurück.

Telefonnummer der Täter
Als am 4. Mai in der Früh eine Mitarbeiterin aus dem Fenster blickte, war vom Baum aber nichts mehr zu sehen. Die Frau informierte sofort alle 16 Bewohner, dass er gestohlen wurde. Gemeinsam wurde der Tatort begutachtet und dort eine Telefonnummer der Diebe gefunden. „Ich hab’ einer Bewohnerin das Handy in die Hand gedrückt, sie hat den Dieben auf die Mobilbox gesprochen“, sagt Vitale.

Rückgabe-Modalitäten
Am Nachmittag erfolgte der Rückruf – und es wurden gleich Modalitäten für die Rückgabe vereinbart. „Alle waren stolz darauf, dass auch unser Maibaum ins Visier genommen und mit den Dieben erfolgreich verhandelt wurde“, so Vitale. Es sei als positives Signal zu werten, dass die Wohngruppe dreieinhalb Jahre nach dem Einzug schon derart gut in der Ortsgemeinschaft inkludiert sei.

Unmut gegen Baumdiebe
Umso erstaunter war Vitale daher, als er erfuhr, dass sich im Dorf Unmut gegen die Baumdiebe breitmachte, deren Aktion zunehmend scharf verurteilt wurde. „Darüber war ich sehr betroffen, denn Ziel unserer Arbeit ist das Miteinander von Menschen mit und ohne Beeinträchtigung – dazu gehört auch der Brauch des Maibaumstehlens.“ Die Diebe kamen schließlich mit Baum und Kuchen zur Unterkunft, wurden im Gegenzug von den Bewohnern mit Würstel und Bier verköstigt.

Zitat Icon

Für unsere Bewohner war es sehr schön und wichtig bei dem gesamten Brauchtum miteingebunden zu werden.

Mario Vitale, Leiter des Wohnhauses der Lebenshilfe in St. Peter/W.

Schlechtes Gewissen
„Sie hatten zuerst ein schlechtes Gewissen, das wir aber sofort wieder zerstreuen konnten“, betont Vitale. Denn es sei nicht verwerflich, Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung den Maibaum zu stehlen. „Der Diebstahl hat uns ein zweites geselliges, lustiges Beisammensein mit neuen Bekanntschaften beschert - und das Gefühl, in St. Peter gut aufgenommen zu werden.“

(Bild: Krone KREATIV/Alexander Schwarzl, Markus Wenzel)

„Krone“-Kommentar von Jürgen Pachner: Gut gemeint ist nicht immer gut
Politisch korrekt zu agieren, liegt voll im Trend. Ein Umstand, der sicherlich vielfach dazu beiträgt, das Zusammenleben friktionsfreier und fairer zu gestalten. Allerdings kommt es diesbezüglich auch zu Übertreibungen, die das eigentliche Ziel völlig konterkarieren. 
Vor allem aus Amerika schwappten zuletzt immer öfter extreme Ausprägungen nach Europa über, die eher Spaltungen begünstigen, anstatt das Miteinander zu fördern. Das Beispiel St. Peter am Wimberg zeigt etwa, dass es nicht im Sinne der Betroffenen wäre, wenn intellektuell Beeinträchtige nur unter einen Glassturz gestellt und vom Alltag separiert werden.

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