Stephanie Mohr inszeniert im Linzer Schauspielhaus Arthur Schnitzlers Klassiker „Professor Bernhardi“ als Denkstück für die Gegenwart. Die große Herrenrunde kommt auf Schreibtischsesseln rollend richtig in Kampfstimmung, nachdem einer Todespatientin die letzte Ölung verwehrt worden war. Die „menschlichen Gründe“ werden für ein politisches Manöver instrumentalisiert. Brisant!
Bis zum Ende der Monarchie 1918 war das Stück „Professor Bernhardi“ von Arthur Schnitzler verboten. Der Grund: Er schildert darin, wie ein ärztlicher Kunstfehler und „Menschlichkeit“ für politische Machtspiele und Antisemitismus instrumentalisiert werden. Heute, mehr als 110 Jahre später, hat das Stück kaum an Brisanz verloren.
Tod einer Patientin als Auslöser
Stephanie Mohr stellt das Drama in eine dunkle, kühle Bühnenhalle (Bild Florian Parbs), der blutrote Schriftzug „Elisabethinum“ schwebt darüber wie ein Damoklesschwert: Eine Patientin bekommt nach einer Abtreibung eine Blutvergiftung. Doch der Arzt und Jude Bernhardi, Chef des Elisabethinums, verweigert dem katholischen Priester den Zugang. Er will der von ihrem Tod nichts ahnenden jungen Frau die Todesangst ersparen, die dessen Anblick auslösen würde. Während er mit dem Pfarrer streitet, stirbt die junge Frau.
Der Fall wird ein Politikum
Das aus seiner Sicht „menschliche Handeln“ wird alsbald in „Religionsstörung“ umgemünzt und in der Folge zum Politikum auf höchster Ebene. Im „christlichen Staate“ Österreich kocht Antisemitismus hoch, deutschnationale Kollegen wittern zudem Karrierechancen.
Im dreistündigen Sprechstück kommt es im großen Ensemble - 18 Herren und eine Dame - immer wieder zu beinharten Sprechduellen, kämpferisch auf Schreibtischsesseln rollend, wird bald deutlich, dass es den Weißkitteln vor allem um ihre eigene Karriere geht.
Die Ambivalenz der Figuren bringt Spannung
Besonders überzeugend Alexander Julian Meile (Minister, Flint), Jan Nikolaus Cerha, Horst Heiss, Lutz Zeidler (Ärzte), im Habitus erfrischend Benedikt Steiner (Jungmediziner, Amtsdiener), Sebastian Hufschmidt ist ab der ersten Sekunde faszinierend als ein ambivalenter Verteidiger.
Christian Higer ist ein zu ruhiger, gelassener Bernhardi. Ihm fehlt Überheblichkeit, Starrsinn und Sarkasmus, was die Spannung im Stück verstärkt hätte. Die Ambivalenzen der Figuren hätten insgesamt mehr Raum vertragen. Gunda Schanderer überzeugt als Krankenschwester und stumme Patientin, denn das Opfer, die einzige Frau im patriarchalen Spiel, kommt nie zu Wort. Der Schluss - ein Rätsel: War alles nur Einbildung?
Eine brisante, hochnotwendige Parabel dieser „Professor Bernhardi“ im Schauspielhaus Linz, die viele Parallelen zu den Mechanismen in der Gesellschaft und Politik von Heute ziehen lässt.










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