Kein Verkehr, kein Sex
110-tägiger Sex-Streik für neue Straße erfolgreich
Zuerst wollten es die Bewohnerinnen von Barbacoas gar nicht glauben. Acht Kilometer vom Ortsrand entfernt rückten die Baumaschinen in den feuchtheißen Urwald vor, um die Straße zu erneuern. Für die wichtige Anbindung hatten die Frauen in der Gemeinde hart gekämpft: 110 Nächte lief in vielen Schlafzimmern von Barbacoas nichts.
Nun beendeten die knapp 600 Frauen, angeführt von Richterin Barybell Silva, ihren Sex-Streik und ließen die Ketten fallen, die sie während ihrer Aktion symbolisch getragen hatten.
Arbeiten lagen 18 Jahre auf Eis
Die Instandsetzung der Verbindungsstraße in die 250 Kilometer entfernte Departmenthauptstadt Pasto im Südwesten des Landes lag seit 18 Jahren auf Eis. Ihr Zustand ist so katastrophal, dass die Fahrt dorthin bis zu 20 Stunden dauert. Kranke starben, weil sie nicht rechtzeitig ins Spital in Pasto kamen. Und Lebensmittel verteuerten sich auf dem Weg nach Barbacoas teilweise um das Zehnfache.
Doch nun gab Gouverneur Antonio Navarro Wolff den Startschuss. Bei den Frauen war die Freude groß, doch die Männer zeigten sich skeptisch. "Die Männer fragten uns, wieso wir denn den Streik beenden wollten, und forderten uns auf weiterzumachen, bis die Straße wirklich fertig sei", sagte Streikführerin Barybell Silva. Die Männer fuhren anschließend zur Baustelle, um sich zu vergewissern, dass tatsächlich gebaut wird, berichtete sie.
Auch Männer drohen jetzt mit Sex-Streik
Die Frauenbewegung hat den Streik vorerst beendet, nimmt sich aber vor, den Bau zu überwachen. Schon fünfmal zuvor ist Geld zur Asphaltierung bereitgestellt worden, das dann spurlos in korrupten Kanälen versickerte. Außerdem reichen die 40 Milliarden Pesos (etwa 15 Millionen Euro) ohnehin nicht für die gesamte Reparatur. In der ersten Bauetappe müssen daher die noch fehlenden 60 Milliarden Pesos aufgebracht werden. Falls es nicht dazu kommt, drohen jetzt auch die Männer in Barbacoas, in den Sex-Streik zu treten.
Idee entstand bei ein paar Gläsern Wein
Begonnen hatte alles übrigens an einem Abend, als Silva mit einigen Kollegen vom lokalen Familiengericht ein Glas Wein trank und ein paar Chontaduros, angeblich aphrodisierende Palmenfrüchte, probierte. Einer der Richter sagte plötzlich, es müsse doch was mit der Landstraße nach Pasto geschehen. Und dazu sei das Beste, wenn sie, die Richterin, einen Sex-Streik beginne. Silva monierte, sie werde doch nicht ihr einziges Vergnügen aufgeben. Doch dann nahm sie die Herausforderung an. Erst waren es 30 Mütter, dann 100, dann 300 und heute fast 600 Frauen - und auch einige Männer -, die der Bewegung angehören.
"Es war nötig, eine friedliche Protestform zu finden, anders als alles, was man in Kolumbien erlebt. Wir mussten wie geflügelte Engel sein, die niemanden berühren und von niemandem berührt werden können", sagte die Richterin. Sie ist überzeugt, dass es nicht ausreicht, die Rechte des Einzelnen in den Gesetzen festzuschreiben. Manchmal müsse man einfach Fakten schaffen. Marybel Silva erinnert an Lysistrata, die Heldin der gleichnamigen Komödie von Aristophanes, die die Frauen von Athen dazu brachte, mit der Sex-Verweigerung ihre Männer vom Kriegführen abzubringen.
"Wenn die Straße fertig ist, wird der Sex für mich leichter"
"Die Afrokolumbianer sind als sehr heißblütig bekannt. Dass ihnen die Frauen den Sex verweigern, erschien ihnen undenkbar, fast wie eine Beleidigung", sagte Silva. Aber nach einiger Zeit hätten sie begonnen, die Bewegung zu respektieren und zu unterstützen - vor allem als sie das Echo in den nationalen und internationalen Medien sahen.
Wenn die Straße einmal fertig ist, wird sich viel ändern für die Einwohner von Barbacoas, aber auch für Streikführerin Silva: "Wenn sie die Straße ausbessern, dann wird natürlich auch für mich der Sex leichter, denn mein Mann wohnt am anderen Ende der Straße."
Weitere Sex-Streiks sollen Lebensbedingungen verbessern
Der Bau der Straße ist aber nicht ihre einzige Forderung, die Bewegung hat schon die nächsten Ziele festgelegt. Die Stadt braucht ein besseres Krankenhaus und Leitungswasser. Bis heute wird noch Regenwasser im Haushalt verwendet. Wenn es einmal nicht regnet, nehmen die Leute das Wasser vom Fluss. Dieser sei aber stark verseucht, klagt die Richterin. "Wir müssen aus diesen Lebensbedingungen des 18. Jahrhunderts rauskommen", findet sie.
Kronen Zeitung als bevorzugte Google-Quelle hinzufügen 






Da dieser Artikel älter als 18 Monate ist, ist zum jetzigen Zeitpunkt kein Kommentieren mehr möglich.
Wir laden Sie ein, bei einer aktuelleren themenrelevanten Story mitzudiskutieren: Themenübersicht.
Bei Fragen können Sie sich gern an das Community-Team per Mail an forum@krone.at wenden.