Dreimal so viele Steirer wie im Vorjahr haben sich 2021 an das Gewaltschutzzentrum gewandt. Doch was sind die Ursachen für diesen Anstieg?
Exakt 3286 Opfer haben 2021 im Gewaltschutzzentrum Steiermark in der Grazer Granatengasse um Hilfe gebeten bzw. sind von der Polizei dorthin vermittelt worden. Mehr als dreimal so viele wie noch 2020 (siehe Grafik unten). Doch wie ist dieser dramatische Anstieg zu deuten?
Technik ermöglicht neue Formen von Gewalt
Ist die Steiermark das Land der Schläger? „Nein“, beruhigt Marina Sorgo, Leiterin des Gewaltschutzzentrums. „Die Zahlen steigen, weil es durch die Technik einfach leichter geworden ist, jemandem etwas anzutun. Früher musste ich hinhauen oder wem ins Gesicht anschreien und ihm dabei in die Augen sehen. Jetzt kann ich was posten oder eine blöde Nachricht schreiben.“ Es gäbe einfach viel weniger Berührungsängste.
Auch die psychische Gewalt in Beziehungen wird sichtbarer. „Die Leute wissen inzwischen, dass sie auch ohne offensichtliche Verletzung um Unterstützung bitten können“, erklärt Sorgo die Zahlen weiter. Nur sei psychische Gewalt viel schwerer zu fassen. „Hier müssen wir sehr genau schauen. Haben da zwei Beziehungsprobleme oder geht es um Gewalt. Denn bei jedem ist es daheim schon einmal heftiger geworden. Es lebt aber nicht gleich jeder auch in einer Gewaltbeziehung“, betont die Expertin.
Drohung, Demütigung, Kontrolle und Isolation
Was zählt also zu psychischer Gewalt? „In erster Linie sind es Drohungen, wie: Ich bringe mich um. Oder Nötigungen: Wenn du mich verlässt, dann bringe ich mich um. Außerdem Beschimpfungen und das gemeine ,Heruntermachen’. Ganz schlimm ist es, wenn das vor anderen passiert. Da gibt es dann keine Grenzen mehr“, weiß Sorgo. Auch Kontrollsucht, finanzielle Abhängigkeit und Isolation zählen zu Formen von psychischer Gewalt.
„Sich an uns zu wenden, heißt aber nicht automatisch, sich auch trennen zu müssen. Beziehungen sind nicht nur schwarz oder weiß.“ Wichtig sei, dass die Opfer wissen, dass sie nicht verantwortlich sind. „Und dass man ihnen die Scham und Schuld nimmt.“ Kann es nach Gewaltvorfällen jemals wieder gut werden? „Gut kann es nur werden, wenn man sein Konfliktlösungsmodell ändert. Da ist die verpflichtende Beratung für Gefährder ein guter Kompromiss.“
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