Schneider-Serie

Ergriffen sein statt begreifen wollen

Vorarlberg
29.08.2022 07:27

In seiner Reihe „Hier war ich glücklich“ begleitet Robert Schneider Vorarlberger an die Lieblingsplätze ihrer Kindheit. In Götzis traf er jüngst den passionierten Blasmusiker Oskar Mayer.

Als ich ihn in beim telefonischen Vorgespräch frage, wo der Lieblingsplatz seiner Kindheit gewesen sei, schweigt er lange. Es gebe so viele Orte in Götzis, sagt er schließlich zögerlich, wo er glücklich war. Ob auf der Ruine Neu-Montfort, im Wald auf dem Inselberg bei der Burgruine Neuburg oder in der Örflaschlucht entlang des Emmebachs. „Als dann 1968 das Schwimmbad in der Riebe eröffnet wurde, sind wir Halbpubertierende natürlich nur noch dorthin gegangen, haben unsere T-Shirts knallbunt gefärbt, um cool zu wirken und Eindruck bei den Mädchen zu schinden.“

Oskar Mayer, Jahrgang 1958, stammt aus einem Ur-Götzner Geschlecht. Der Name ist so häufig wie der sprichwörtliche Sand am Meer. Mayer, Maier, Mayr, alle Schreibarten gibt es, und Oskars große Passion - die Blasmusik -, hat schon seine Vorväter mit Leidenschaft erfüllt. Seit 1824 sind die Mayers ohne Unterbrechung bei der Bürgermusik, weshalb bald nur noch von der Mayermusik gesprochen wurde.

Robert Schneider: In Götzis gibt es zwei traditionsreiche Blasmusikkapellen. Früher war das noch sehr stark mit der politischen Zugehörigkeit konnotiert. Du bist bei den Roten
Oskar Mayer: Die Bürgermusik war vom Ursprung her eigentlich mehr die liberale Seite, während die Schwestermusik das konservative Lager vertrat ...

Schwestermusik - was für eine höfliche Bezeichnung! So höflich ging es wohl nicht immer zu.
Natürlich nicht. Das Wesen der Blasmusik hat sich in den vergangenen vierzig Jahren enorm gewandelt. Als ich angefangen habe, war das noch eine reine Männermusik. Da wurde bei den Proben geraucht und in der Pause der Durst gelöscht. Etwa Anfang der 70er-Jahre stießen die ersten Musikantinnen zu unserer Blasmusik. Da gab es schon Hartgesottene, die sagten: „So lange ich bei der Musik bin, kommen keine Weiber in den Verein!“ Und es wurde natürlich auch gestritten. Aber sobald jemand von der Schwesterkapelle die Finger im Spiel hatte, hielt man wieder zusammen wie Pech und Schwefel.

Du hast Klarinette gelernt.
Ich wollte immer Trompete spielen. Eines Tages kam mein Vater mit einer schwarzen Schachtel daher. Ich freute mich und meinte, da sei eine Trompete drin. „Wir brauchen Klarinettisten“, sagte er, und so habe ich eben Klarinette erlernt, was ich übrigens nie bereut habe. Damals war das eben noch anders. Man wurde zugeteilt. Wenn ich daran denke, mit welchen harten Mundstücken wir noch spielen mussten und kaum einen Ton herausbrachten! Da hat sich schon sehr vieles professionalisiert, auch dank der Musikschulen, die überall im Land aus dem Boden schossen.

Dein Vater wurde in der legendären Schlacht um Arnheim verwundet ...
... und kam dann in ein Lazarettlager irgendwo in der Tschechei, von wo er einen Brief nachhause schrieb. Da sind seine Schwestern, die Tante Kathi und die Tante Nanda - damals junge Frauen - einfach losgefahren und haben ihn geholt. Das hat ihm das Leben gerettet.

Du bist gelernter Elektrotechniker, hast dann nebenberuflich am Konservatorium studiert und bist später Musiklehrer geworden.
Das Konservatorium war nicht mein Ding. Ich habe unter Musik immer etwas Anderes verstanden. Musik kann man nicht begreifen, man muss von ihr ergriffen sein. Bei der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen stand für mich nie das rein technische Fortkommen im Vordergrund. Das ist schon wichtig. Die Freude kommt auch mit dem Können, aber der pädagogische Aspekt ist mir zehnmal wichtiger. Ich habe mich immer als guter Pflichtschul-Klarinettisten-Lehrer verstanden. Wenn ein Kind wirklich richtig hohe Begabung zeigte, habe ich es sofort an einen versierteren Kollegen weitergegeben.

Bei Dir darf Musik also noch Spaß machen?
Ich selbst habe unseren Blasmusikverein zehn Jahre lang geleitet, und es gibt nichts Schöneres, als wenn man einem Jungmusikanten etwas zutraut, z. B. ein erstes Solo. Die Art und Weise, wie er oder sie das bewältigt, die leuchtenden Augen danach, das sind die großen Erfolge für mich.

Die Bürgermusik Götzis ist ja schon lange nicht mehr ein Blasmusikverein im herkömmlichen Sinn. Ihr seid in den vergangenen Jahren unglaublich professionell geworden mit einem großen Spektrum an Literatur.
Wir hatten die Idee, dass uns große und bekannte Musiker inspirieren und beflügeln könnten. So haben wir angefangen, für unser jährliches Herbstkonzert bekannte Größen einzuladen, um mit uns zu musizieren, etwa Bill Ramsey. Unvergesslich ist mir auch der Moby-Dick-Abend mit Christian Brückner, der Stimme von Robert de Niro. Und in diesem Jahr haben wir ein John-Williams-Programm, der ja heuer 90 Jahre alt wird. Darauf freue ich mich ganz besonders.

Wollen wir nochmals in die Örflaschlucht an den Emmebach zurückkehren? Was ist für Dich Glück?
Glück ist Einwilligung, die Annahme, dass mein Leben so ist, wie es ist. Das macht mich zufrieden. Dann sitze ich im Garten, schaue dem Bambus zu, wie er wächst und bin glücklich.

 

 

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