Hype aus Europa
“Badesalz”-Ausraster: US-Ärzte schlagen Alarm
Patienten mit Wahnvorstellungen, gewalttätig, so außer Kontrolle, dass sie manchmal nur mit einer Vollnarkose ruhiggestellt werden können: "Es ist furchterregend", sagt Mark Ryan, Chef des Giftkontrollzentrums in Louisiana.
Die Suchtgifte hätten eine derart starke Wirkung, dass viele erfahrene US-Ärzte in den Krankenhaus-Notaufnahmen sagen, sie hätten so etwas noch nicht erlebt. So zerkratzt sich etwa in West Virginia eine Frau bis ins rohe Fleisch, weil sie glaubt, dass unter ihrer Haut etwas krabbelt. In Georgia läuft ein Mann schreiend durch die Gegend - auf der Flucht vor vermeintlichen Außerirdischen. In Kalifornien schießt ein anderer auf sein eigenes Haus.
In Pennsylvania erzählte der Polizeichef einer Ortschaft im Gespräch mit der "New York Times" gar von zwei Fällen, in denen die Konsumenten des "Badesalzes" nicht einmal mittels Taser ruhig gestellt werden konnten. Trotz des Einsatzes des Elektroschockers waren bei einer Frau vier Beamte und zwei Krankenpfleger erforderlich, um sie zu fassen zu bekommen, so der Beamte.
Bekannte Fälle nur die Spitze des Eisberges
Seit vergangenem Jahr haben sich die "Badesalze" in den USA immer stärker ausgebreitet, Experten wie Ryan sprechen von einer "neuen ernsten Drogenbedrohung". Tatsächlich sind bei den Giftnotzentralen der USA seit Jänner bereits mehr als 3.700 Anrufe im Zusammenhang mit "Badesalzen" eingegangen, während es im gesamten vergangenen Jahr rund 300 waren. In der Regel seien es Krankenhäuser, die Fälle meldeten, schildert Ryan. Er vermutet, dass es sich nur um die Spitze eines Eisberges handelt.
Die "Badesalze" in Pulver- und Kristallform enthalten die synthetischen Substanzen Mephedron und Methylenedioxypyrovaleron (MDPV) - ähnlich dem organischen Aufputschmittel Khat, das in Ostafrika sowie Arabien verbreitet und in den USA verboten ist. Die Drogen könnten Schmerzen in der Brust, hohen Blutdruck, Halluzinationen sowie extreme Erregungs- und Angstzustände hervorrufen, warnt Gil Kerlikowske, Chef der Drogenkontrollbehörde im Weißen Haus.
Gefährliche Droge mit verlockenden Namen
"Wenn man mir eine Liste von Drogen gäbe, von denen ich die Finger lassen sollte, dann wäre das (die 'Badesalze', Anm.) an der Spitze", zitierte die "New York Times" Karen Simone vom Northern New England Poison Center. Ryan sieht das ähnlich. Er kenne die Wirkung von Methamphetaminen, von Ecstasy, Kokain oder auch PCP, sagt er. "Die schlimmsten davon zusammengenommen entsprechen dem, was wir mit den "Badesalzen" manchmal erleben."
Die "Badesalze" mit verlockenden Namen wie "Ivory Wave", "Bliss" oder "Vanilla Sky" (Elfenbeinerne Welle, Wonne, Vanille-Himmel) werden meistens geschnupft, aber auch geraucht oder gespritzt. Ein kleines 50-Milligramm-Päckchen kostet 25 bis 50 US-Dollar (17 bis 35 Euro). Verkauft werden sie häufig in Läden mit "Durchgangsverkehr", etwa an Tankstellen und Fernfahrer-Rastplätzen "oder auch aus dem Kofferraum heraus", wie Ryan erklärt.
28 US-Bundesstaaten haben die neuen Drogen mittlerweile verboten, aber in den übrigen Landesteilen und via Internet floriert der Handel. Die zuständigen Washingtoner Behörden prüfen die Möglichkeit eines US-weiten Banns, aber dieser Prozess, so sagen Experten, könnte sich lange hinziehen. Mittlerweile gibt es nach Ryans Angaben 260 "Badesalz"-Varianten. Ganz wie in Europa sind die Drogen aber auch unter anderer Tarnung erhältlich: als "Pflanzendünger", "Insektenschutzmittel" und neuerdings sogar als "Toilettenreiniger".
Globaler Anstieg bei Konsum von synthetischen Drogen
In Österreich ist die Substanz Mephedron (MMC) seit dem Vorjahr verboten. Das Gesundheitsministerium erließ eine Verordnung, die den Stoff als illegales Suchtmittel deklariert und damit Verkauf und Besitz verbietet. Der Mephedron-Hype hatte vor rund drei Jahren in Großbritannien begonnen, von dort schwappte eine wahre Flutwelle über ganz Europa und damit auch nach Österreich. Während die globalen Märkte für Kokain, Heroin und Cannabis entweder geschrumpft oder stabil geblieben sind, ist die Produktion und der Missbrauch von synthetischen Drogen angestiegen, wie aus dem Welt-Drogenbericht 2011 hervorgeht.
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