23.06.2022 17:50 |

Mikrobiologin geehrt

Christa Schleper erhält „Austro-Nobelpreis“ 2022

Der höchstdotierte Wissenschaftspreis des Landes - der oft als „Austro-Nobelpreis“ bezeichnete Wittgenstein-Preis - geht an die Mikrobiologin Christa Schleper von der Uni Wien. Die im deutschen Oberhausen geborene 59-jährige Forscherin erhielt am Mittwochabend die mit 1,5 Millionen Euro dotierte Auszeichnung u.a. für die Erforschung der Entwicklung komplexen Lebens am Beispiel von Archaeen - Kleinstlebewesen ähnlich den Bakterien. Sechs Nachwuchsforscher bekamen jeweils mit bis zu 1,2 Millionen Euro dotierte START-Preise.

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Christa Schleper leitet das Department für Funktionelle und Evolutionäre Ökologie und die Archaea-Biologie- und Ökogenomik-Forschungsgruppe an der Universität Wien. Nach Wien wechselte die zuletzt mehrfach in der Liste der „Highly Cited Researchers“ (der weltweit einflussreichsten Forscher, Anm.) erwähnte Forscherin im Jahr 2007. Für Aufsehen sorgten in den vergangenen Jahren Entdeckungen von Schleper und Kollegen, die das Verständnis der Entwicklung des Lebens veränderten.

Forschung an den unwirtlichen Orten der Erde
Die Neo-Wittgensteinpreisträgerin machte sich dafür auch zu unwirtlichen Orten der Erde auf und widmete sich als eine der ersten intensiv den Archaeen. Diese Einzeller sind an besonders extreme Biotope angepasst. Sie können teilweise bei sehr hohen Temperaturen, extremen pH-Werten, hohen Salzkonzentrationen oder hohen Drücken leben.

Im Jahr 2015 sorgten Schleper und Kollegen etwa im Fachjournal „Nature“ mit der Entdeckung der nächsten lebenden Verwandten der „höheren“, sprich einen Zellkern besitzenden Lebewesen (Eukaryonten), für Aufsehen.

Stickstoffabbau im Boden
Gefunden wurden die urtümlichen Einzeller namens Loki-Archaeen in Proben aus 3000 Metern Meerestiefe in der Nähe eines Hydrothermalfeldes namens „Loki‘s Castle“ nördlich von Island. Schon im Jahr 2011 identifizierte sie ein Archaeon in näher liegenden Bodenproben rund um das damalige Institut in Wien-Alsergrund.

In der Fachzeitschrift „PNAS“ zeigten Schleper und Kollegen, dass „Nitrososphaera viennensis“ am Stickstoff-Abbau in Böden beteiligt ist.

„Das hat mich wahnsinnig gereizt“
Für die Erforschung dieser früher oftmals etwas vernachlässigten Lebewesen erhielt die Mutter zweier Kinder im Jahr 2016 einen „Advanced Grant“ des Europäischen Forschungsrates (ERC) in der Höhe von rund 2,5 Millionen Euro. Die nunmehrige Zuerkennung des Wittgenstein-Preises ist für sie nun „etwas ganz, ganz besonderes, womit ich auch nicht gerechnet hätte“, sagte Schleper. Schon seit ihrer Diplomarbeit beschäftigt sich die Wissenschaftlerin mit Mikroorganismen aus vulkanischen Quellen. „Das hat mich wahnsinnig gereizt - besonders auch, weil ich da hinreisen wollte.“

Das Forschungsgebiet der Archaeen habe seither eine unglaubliche und spannende Entwicklung genommen: „Darum bin ich auch dabei geblieben.“ Die Stärke des von ihr maßgeblich mit aufgebauten Wiener Labors sei, dass man viel im Feld arbeite, molekularbiologische Studien anschließe, aber auch große Erfolge bei „der Kultivierung von sehr schwierig zu züchtenden Organismen“ erzielte.

Fenster in die frühe Evolution
So eröffnen die überraschend komplexen Loki-Archaeen ein Fenster in die frühe Evolution und die Entwicklung der ersten Zellen, wie man sie auch in unserem Körper findet. Dieses „Missing Link“ oder Bindeglied in der Entwicklungsgeschichte war vermutlich der Startpunkt für komplexere Lebensformen. Für Schleper ist die Frage, wie es letztlich dazu gekommen ist, „eine der größten Fragen in der Biologie“. An der Klärung arbeite man mit den Wittgenstein-Mitteln nun weiter.

Insgesamt gebe es in der Mikrobiologie noch „viele weiße Flecken“. Durch neue genetischen Analysemethoden, eröffnen sich nun neue Horizonte in der Ökologie. Bei den Archaeen habe man gerade erst eine Tür geöffnet, hinter der „noch ganz viel zu erforschen ist“.

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