Fr, 21. September 2018

Rätsel um Gesundheit

27.05.2011 16:59

"Schwerkranker" Mladic arbeitete auf Baustelle

Das Rätselraten um den Gesundheitszustand des am Donnerstag verhafteten mutmaßlichen Kriegsverbrechers Ratko Mladic geht weiter. Während seine Anwälte behaupten, der Ex-General sei nach einem Schlaganfall nahezu bewegungsunfähig, mehren sich jetzt Berichte, denenzufolge Mladic wohlauf sei. Angeblich soll der "Schlächter von Srebrenica" im vergangenen Sommer sogar auf einer Baustelle gearbeitet haben.

Von dem Einsatz als "Hackler" berichtete am Freitag die serbische Tageszeitung "Blic". Demnach soll Mladic sein Geld auf einer Baustelle in Zrenjanin verdient haben, nur unweit seines Aufenthaltsortes Lazarevo. Ein junger Mann, der dies dem Blatt berichtet hatte, sagte außerdem, dass er nicht gewusst habe, um wen es sich bei dem Kollegen handelte. Allerdings sei ihm aufgefallen, dass Milorad Komadic - so der Tarnname von Mladic - dem früheren Militärchef der bosnischen Serben sehr ähnlich gesehen habe.

Auch der Sprecher der serbischen Staatsanwaltschaft, Bruno Vekaric, widersprach Augenzeugen, die Mladic als demenzkranken alten Mann mit eingeschränkter Zurechnungsfähigkeit dargestellt hatten. Die angebliche Gebrechlichkeit des 69-Jährigen sei nur ein Teil seiner Verteidigungstaktik, behauptete der Behördensprecher. Er habe Mladic bei seiner Anhörung am Donnerstag als Mann erlebt, der seine Lage sehr wohl einschätzen und am Verfahren teilnehmen könne.

Auf neuen Fotos wirkt Mladic vital
Auf den ersten Fotos von Mladic nach seiner Festnahme (siehe oben) ist der Serben-General mit einer dunkelblauen Schirmmütze auf dem Kopf, kurzem Haar und glatt rasiert durchaus erkennbar. Wenn man es nach diesen Fotos bewerten müsse, dürfte laut Beobachtern der Gesundheitszustand des Haager Angeklagten nicht so dramatisch sein, wie von seinen Anwälten geschildert.

Diese hatten am Donnerstagabend geschildert, dass Mladic bei der Anhörung vor Gericht, die nach einer Stunde wegen des "schlechten psychophysischen Zustands" von Mladic unterbrochen werden musste, nur unzusammenhängend geredet habe und nicht einmal seine biografischen Daten bestätigen konnte.

Bewegungsprobleme durch Schlaganfall?
Medien brachten verwirrende Berichte über den Gesundheitszustand des Haager Angeklagten. Mladic soll Nierenprobleme haben und zudem Probleme mit einem Arm, der infolge eines Schlaganfalls gelähmt sei. Aus dem Gericht war jedoch zu hören, dass Mladic voll bei sich und kommunikativ sei. Er könne auch beide Arme bewegen.

Wie die Zeitung "Blic" am Freitag auf ihrem Internetportal berichtete, wurde bei der Festnahme bei Mladic auch ein Sackerl angefüllt mit modernsten Medikamente gegen Bluthochdruck sichergestellt. Man sei überzeugt, dass diese Medikamente Mladic, der seit Jahren auf der Flucht war, ohne ärztliche Hilfe nicht bekannt sein konnten und dass er sie ohne Beratung mit einem Arzt auch nicht beschaffen konnte, berichtete das Blatt.

Mladic erteilt Wachpersonal Befehle
Der Anwalt der Familie Mladic, Milos Saljic, erklärte im Gegensatz dazu am Freitag, dass er die Einlieferung Mladic' in ein Krankenhaus beantragen würde. Der Grund sei dessen schlechte Gesundheit. Das Justizpersonal hat dies am Donnerstag offenbar nicht so gesehen. Mladic habe mit dem Wachdienst, der ihn vor den Ermittlungsrichter brachte, die ganze Zeit kommuniziert. Er sei auch bemüht gewesen, Befehle zu erteilen, wie etwa: "Gebt mir einen Stuhl!", berichtete "Blic". Dem Wachdienst galt auch die Bemerkung, "Wie meine Truppen", berichtete "Danas".

Außerdem hatte Mladic Erdbeeren und ein Fernsehgerät in seiner Gefängniszelle verlangt. Die Verwaltung soll ihm diesen Wunsch binnen 25 Minuten erfüllt haben. Wie serbische Medien am Nachmittag berichteten, wollte Mladic auch einige Bücher in seine Gefängniszelle geliefert haben. Er sei vor allem an Büchern russischer Autoren interessiert, berichtete der Sender "B-92".

Der Sohn Mladics soll laut früheren Medienberichten in den Morgenstunden auch Bekleidung für den Angeklagten in einer dunklen Tasche mitgebracht haben. Am Donnerstagabend war Mladic in einer blauen Jacke und Schildmütze vor dem Ermittlungsrichter erschienen. Auf die Mütze wollte er auch während der Anhörung nicht verzichten.

Mladic vor Verhaftung monatelang observiert
Wie ebenfalls am Freitag bekannt wurde, war Ratko Mladic vor seiner Verhaftung mehrere Monate lang von Mitarbeitern des Nachrichtendienstes BIA observiert worden, wie die serbische Tageszeitung "Politika" berichtete. Nach Worten einer Bewohnerin des Dorfes Lazarevo war der Haager Angeklagte vor wenigen Tagen auch von seinem Sohn Darko und den Enkelkindern besucht worden. Die Familie hatte in den vergangenen Monaten wiederholt behauptet, dass der Haager Angeklagte sehr wahrscheinlich tot sei.

Zögerte NATO aus Angst vor Mladic-Festnahme?
Unterdessen übte der niederländische Ex-Verteidigungsminister Joris Voorhoeve in einem Interview harsche Kritik an der NATO. Das Verteidigungsbündnis habe nach seiner Ansicht zu wenig für eine Verhaftung des Serben-Generals getan. "Führende NATO-Staaten fürchteten, dass die Popularität von Mladic bei der serbischen Bevölkerung so groß ist, dass die NATO-Friedensoperation in Gefahr geraten könnte", sagte Ex-Minister Joris Voorhoeve in einem Interview der Zeitung "de Volkskrant".

Zudem hätte die serbische Regierung jahrelang die Festnahme des 1995 wegen des Völkermords in Srebrenica angeklagten Ex-Generals verhindert. "Als Minister wusste ich, dass Mladic vom serbischen Geheimdienst beschützt wird", sagte der 65-jährige Voorhoeve.

Der liberale Politiker hatte seinerzeit die politische Verantwortung für den von vielen als Fehlleistung angesehenen Einsatz niederländischer UN-Blauhelmsoldaten in Srebrenica. Sie gaben das als "Sichere Zone" für die muslimische Bevölkerung ausgewiesene Gebiet kampflos auf. Bosnisch-serbische Truppen unter dem Kommando von Mladic ermordeten dort etwa 7.800 muslimische Männer und Buben.

Geheimkommando kam nie zustande
Später habe er als zuständiger Minister vorgeschlagen, dass fünf Länder ein geheimes Verhaftungskommando aufstellen, das Mladic und etwa 70 weitere Verdächtige auf einen Schlag festnehmen sollte, berichtete Voorhoeve. "Über den Plan ist eineinhalb Jahre lang geredet worden, aber dann ist das im Sand verlaufen, weil kein großes Land die Führung übernehmen wollte."

Die Festnahme von Mladic am Donnerstag biete die Chance, doch noch Gerechtigkeit walten zu lassen. Dass die Niederlande sich in Srebrenica schuldig gemacht hätten, sei allerdings "ein schwerer Denkfehler", betonte der Ex-Minister. Die Blauhelmtruppe "Dutchbat" hatte beim Massaker von Srebrenica mit 7.800 Toten tatenlos zugeschaut. Laut Vorrhoeve aber nur deswegen, weil die Truppe kein UN-Mandat zum militärischen Eingreifen gehabt habe und zudem den Einheiten von Mladic völlig unterlegen gewesen sei.

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